Der Deutsche Kochbuchpreis 2023: die Gala, die Preisverleihung – und zwei spannende Restaurantbesuche drumherum

Die funkelnde Nacht der Kochbuchbranche in Hamburg und was sonst noch so geschah…

Was für ein großer Abend! Mit dem Deutschen Kochbuchpreis 2023 haben die Initiatoren Benjamin Cordes, Stefan Spiegel und Lars Lüpke vom Kochbuchmagazin Kaisergranat der Branche neuerlich eine festlich funkelnde Gala der Wertschätzung bereitet.

Alle Gala-Fotos in diesem Beitrag von Sascha Rucks, Gourmet Apron für Deutscher Kochbuchpreis – danke!

Die Preisverleihung, die in diesem Jahr erstmals in der Hobenköök in Hamburg stattfand, war ganz klar ein Höhepunkt in der Geschichte des Preises, der einst als Live-Stream aus der Küche eines Restaurants gestartet war.

Initiatoren Stefan Spiegel (l.) und Benjamin Cordes (r.), der den Abend auch moderierte.

Die Gala

Den ersten fröhlich-freundschaftlichen Event-Nächten der Kochbuch-Feierei im Hauptquartier der Kitchen Guerilla folgte in den vergangenen Jahren eine erhebliche Professionalisierung und die Entdeckung der Veranstaltung auch durch die Verlage – im Hamburger foodlab reisten in den vergangenen zwei Jahren erstmals auch Gäste und Verlage aus Österreich und der Schweiz an.

Der Umzug in die Hobenköök entpuppte sich jetzt als Glücksfall: Die Markthalle mit Restaurant bot nochmals mehr Platz, für die mit 120 Gästen ausverkaufte Gala.

Gastronomin und TV Köchin Zora Klipp (mitte) (Blattgold, Weidenkantine) gewann mit „Ein normales Kochbuch“ Silber beim Publikumspreis.

Und das Team der Hobenköök schaffte einen so festlichen wie unprätentiös fröhlichen Wohlfühl-Rahmen.

Auch in diesem Jahr wurde die Preisverleihung wieder von einem vegetarischen Sharing-Menü mit Rezepten aus prämierten Büchern begleitet.

Auf Platten und in Schalen family-style auf die Tische gebracht vom freundlichen Service – und kochen könne die da eh, in der Hobenköök!

Die Preise

Besuch aus München: die Köchin und TV Persönlichkeit Graciela Cucchiara (Kochbuch Mama mia!) gab sich die Ehre

Die Verleihung selbst wurde straffer durchgezogen als in vergangenen Jahren, war dabei kurzweilig und es geht da ja vor allem auch: ums Mitfreuen. Ein Fest für die Branche, für die Kochbuchschaffenden selbst.

Die Jury – viele Gesichter, die ganz schön viele Kochbücher zu sichten hatten.

Die Jury, wieder groß und hochkarätig besetzt. Auf der Homepage des Preises findet sich ein Überblick zu allen Preisträger*innen und jeweils auch die Stimmen und Bewertungen der zuständigen Jurymitglieder zu den einzelnen Titeln und in den einzelnen Kategorien.

Bronze für "Japan gesund"

Auch wir wurden irgendwann nach vorn berufen und ganz besonders habe ich mich über die Bronzemedaille in der Rubrik Asien für Japan gesund gefreut.

Sarah Schocke und ich auf der Bühne des Deutschen Kochbuchpreises

Das Buch aus dem Hölker Verlag haben meine Kollegin, die Ökotrophologin und Kochbuchautorin Sarah Schocke und ich gemeinsam erarbeitet.

Eine Auszeichnung auch fürs ganze Team: schaut mal rein und seht Euch die wunderschönen Bilder von Fotograf Andrea Thode an. Interior-Stylistin Meike Graf hat mit ihrem bereits dritten Japanbuch das Thema nochmals ganz anders und wieder frei von jeder Folklore neu erzählt.

Silber für "Einfach Urlaub"!

Für unser Sommerbuch Einfach Urlaub aus dem Brandstätter Verlag gabs in der Rubrik Einfach und schnell die Auszeichnung in Silber.

Verlegerin und Kochen-Programmleiterin Stefanien Neuhart aus Wien konnte sich über zahlreiche Auszeichnungen für Bücher aus dem Brandstätter Verlag freuen.

Mit 0,5 Punkten mussten wir uns hinter den Gewinner der Rubrik, Jamie Oliver einreihen. Macht man ja gerne mal Platz, für Meister Jamie! 🙂

Die Fotos zu diesem Urlaubsbuch entstanden in drei eher regnerischen Wochen und unter Live-Bedingungen mit Fotografin Vivi D’Angelo und Stylistin Meike Graf. Gemeinsam sind damals jedem Sonnenflecken hinterher! Unvergesslich.

Persönliches „Rahmenprogramm“ in zwei der spannendsten Restaurants in Hamburg

Für mich war der Kochbuchpreis in diesem Jahr wieder ein willkommener Anlass, mich auch außerhalb der Gala-Nacht mit weit gereisten Gästen, Verleger*innen und lieben Kolleg*innen zu treffen.

Zahlreichen Verabredungen, Mittagstische und Kochbuch-Verhandlungen (knallhart, sag ich Euch!) waren gerahmt von zwei ganz besondere Abende in zwei der derzeit spannendsten Restaurants Hamburgs.

Claudio Del Principe im Gespräch mit Verleger Urs Hofmann vom Schweizer AT Verlag

Mein langjähriger Weggefährte und Kollege, der Kochbuchautor Claudio Del Principe (anderntags zusammen mit Christian Seiler ausgezeichnet mit der Besonderen Ehrung für Verdienste um die Esskultur 2023) war schon am Montag aus der Schweiz angereist und wir wollten unser Wiedersehen mit einem Restaurantbesuch verknüpfen. Montags ist das Restaurantangebot in Hamburg aber doch erheblich eingeschränkt und es sollte für diesen Freund schon etwas Besonderes sein.

Der Erdbeerfressende Drache

Und dankenswerter Weise hatte meine allererste Idee auch direkt geöffnet: Thorsten Gillerts Der Erdbeerfressende Drache biete derzeit wohl eines der spannendsten Konzepte in unserer Stadt: naturverbunden und regional, dabei grenzenlos und hochkreativ gedacht.

Mein Lieblingsplatz ist dort der Tresen mit Küchenblick, da war auch noch was frei an diesem Montag und wir erlebten einen Abend, wie ich ihn mit für den Kollegen Claudio gewünscht hatte. Wir wählten das Carte blanche-Menü und ließen Thorsten Gillert und seinem Team vertrauensvoll freie Hand.

Zum Auftakt Kürbis und Shiitake, ein Teller von großartigem Wumms und geschmacklicher Tiefe, mit Butternut und Hokkaido als Tatar, Tomaten-Kürbisessenz, Orange und Paprika, alles da: Schärfe, Säure, Umami, grandios.

Tiefwürzig auch das dunkel geschmorte, knackige Sauerkraut in Kombination mit butterzartem Knurrhahn-Filet und Würfelchen vom Räucheraal – gerahmt und zusammengeführt von einem Dashi-artigen Krustentierschalen-Fond.

Die Kombination aus Iberico Bäckchen in chinesischer Würzung und mit knusprig zart-frittiertem Tintenfisch lenkte beinahe ab von den anderen mehrstufigen Geschmacks-Highlights dieses herausragenden Tellers: mit dem wohl besten japanischen Sesam-Spinat, den ich bisher in dieser Stadt gegessen habe, dazu ein tiefer Fond mit der herzhaften Säure von echter Yuzu-Zitrone und Wakame-Algengemüse.

Diese komponierte Dichte an Aromen, die konzertierten Präzision und wie da dann alles temperamentvoll zusammenkommt – das ist Gillert in Hochform.

Die Petersilienwurzel als Hauptakteur eines Desserts war dann auch eine gelungene Überraschung, rund und von beherzter Süße – mit einem erfrischenden Petersiliensamteis und weißer Schokoladen-Ganache.

Und das auf einen Montag. Danke!

100/200

Am Mittwoch, dem Tag nach dem Kochbuchpreis, durfte ich dann meine Kollegin, die Journalistin Anja Wasserbäch zu einem Interview ins 100/200 begleiten. Der Zwei-Sterner war zuletzt mit der Einführung eines Kuvert-Preises für à la carte Gäste bundesweit in die Schlagzeilen geraten, der Besuch rückte jetzt endlich die Kulinarik wieder in den Mittelpunkt.

Der großzügige Raum mit der zentralen offenen Küche als Feuerstelle ist immer wieder eindrücklich. Das Gesamtdesign des 100/200 ist geprägt von einer lässige, dabei minimalistischen Internationalität, das Restaurant würde so auch in London und Kopenhagen auffallen.

Seit der Eröffnung besuche ich das Restaurant in eher größeren Abständen und war noch jedes Mal begeistert. Jetzt zeigte sich: Chef Thomas Imbusch, seine Geschäfts- und Lebenspartnerin der Sommelière Sophie Lehmann und das Team des 100/200 werden immer noch besser.

Auch Imbusch hat sich einer ganzheitlich regionalen und vor allem saisonalen Produktwelt verschrieben, das aktuelle Feuer & Rauch-Menü feiert den Reichtum des Herbstes, das Wild, das Meer, die beginnende Winterzeit.

Das gelingt so spannungsvoll (und eigen auch) weil Imbusch beides kann und spielt: progressiv-kreative Kreationen und süffige Teller wechseln sich ab, wie etwa zum Auftakt mariniertes Rehfleisch und Rote Bete als Rose auf einem Rehgelee mit Rote Bete Essig, anbei eine zarte Waffel mit Rehtatar.

Dem folgt eine gefällige Schlemmerei wie die Proleten-Auster die sich mit würziger Bratwurst unter einer Art supercremiger Hollandaise mit geröstenen Bröseln räkelt.

Dem erfreulichen Einfall, dem Kohl ein paar am Spieße über Holkohle gegrillte „Fressfeinden“ (aka Schnecken) zu spendieren, angerichtet mit einem Satelittenteller aus Kräutern und geschnwekten Pilzen, folgt eine „Deutschstunde“ mit göttlich gebratenem Reh und Artischocke, mit Linsen, Birne, Preiselbeeren und Essigaromen. Alleine das begleitende Schälchen mit einem Ragout aus Linsen und Innereien unter fluffiger Sauce wäre anderswo und zurecht ein eigenen Gang!

Die spannende Weinbegleitung von Sophie Lehmann und ihrem Team, wie auch die sorgfältig entwickelte alkoholfreie Begleitung zum Menü erfreuen an diesem Abend gleichermaßen. Wie der kühle Paprika-Tomaten Drink zum Hummer mit Hummersalat und Essenz. Highlights für mich: der Olorosso Sherry der Bodega Cesar Florido und der göttlich eigene, tiefgründige Banyul Grenache 2009 von der Domaine Vial-Magnères!

Dem 100/200 Klassiker Käsetoast folgt ein mehrteiliges Dessert in dem Artischoken mit Kürbis auf Feige und Quitte treffen, als wärs eine Selbstverständlichkeit – der Dreiklang aus Macaron, Eis und Schokoladencremeschnitte erinnert daran, dass hier mit Mario Michaelis auch einer der begabtesten Pattisiers der Stadt wirkt.

Der gute Abend endet mit einem echten Crowdpleaser-Dessert: ein vom Hamburger Franzbrötchen inspiriertes Brioche-Blätterteig-Gebäck, saftig und heiß zu einer Schale mit Vanilleeis ineiner Art sahniger Creme Chantilly. Herrjeh, wat geil.

Schön war das alles, die Gala und all die Abende mit kollegialen und frerundschaftlichen Begegnungen und Gesprächen, die erweiterte Verlagerung in die Restaurants. Vielleicht werden im kommenden Jahr die Tischrunden drumherum, dort oder anderswo in der Stadt, ja auch größer. Ich freue mich drauf!

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