Die NutriCulinary Bestenliste 2022: acht Kochbuch-Neuerscheinungen die sich lohnen

Die legendäre NutriCulinary Kochbuch-Bestenliste zur Frankfurter Buchmesse: ein Blick auf die besten Kochbuch-Neuerscheinungen 2021

Ilustration (Ausschnitt): Ralf Nietmann, kochen. (Brandstätter Verlag)

Hier ist sie, die legendäre und vielgelesene NutriCulinary-Jahresbestenliste zur Frankfurter Buchmesse!

Es war ein Jahr der gemischten Gefühle für die Branche. Während Corona und die Lockdowns den Markt belebten, setzten vor allem Energiekrise und Inflation auch dem Kochbuch zu, es wird spürbar gespart. Gleichzeitig explodiere die Preise für Papier und Herstellung. Die Stimmung in der Branche erlebe ich dennoch lobenswert optimistisch. Weiter machen, noch besser werden, das sind die richtigen Ansätze.

Dass es diesmal nur acht Kochbücher auf die NutriCulinary-Bestenliste geschafft haben, muss nicht zwingend das Kochbuchjahr spiegeln: die Auswahl ist wie in jedem Jahr persönlicher Prägung, der Anspruch an die Bücher hoch – und natürlich habe ich sicher die ein oder andere Perle übersehen.

Die folgenden Empfehlungen bereichern den Kochbuch-Markt auf individuelle Weise und es gibt auch in diesem Jahr das Kochbuch des Jahres, dass diesen Titel mit Grandezza einlöst! Die Reihenfolge der Bücher stellt wie immer kein Ranking dar. Viel Vergnügen beim Stöbern.

Bianca Zapatka – Vegan Food Love (Becker Joest Volk Verlag)

Kennen Sie Bianca Zapatka? Nicht? Dann geht es Ihnen, wie es mir ging. Allerdings folgen der jungen Kochbuchautorin und Bloggerin allein auf Instagram 743.000 Menschen. Erfolgreiche Influencerin also, die so ein bisschen vegan kocht, weil es halt en vogue ist?  Man könnte falscher nicht liegen.

Bianca Zapatka, Foto © Sascha Koglin

Bianca Zapatka ist Foodstylistin, Rezeptentwicklerin, Fotografin – und eine der akribischsten und diszipliniertesten Rezeptautorinnen der Branche. Das merkte ich schon im vergangenen Jahr, beim Vorgänger-Buch „Vegan Paradise“, dass mich mit seiner kreativen Opulenz und der fachlichen Tiefe überraschte.

Auch ihr neues Buch begeistert vollumfänglich mit einer Buslandung an veganen kreativen Rezepten, Inspirationen aus aller Welt und immer mit persönlichem Twist. Die reichen, würzigen Rezepte dürften selbst eingeschworenen Karnivoren Freude machen.

Das Besondere auch: aller Rezepte sind akribisch ausgearbeitet und werden Schritt für Schritt nicht nur gelingsicher erklärt – jedem der opulent Wimmelbild-artigen Rezeptfotos, sind jeweils zusätzlich 5 verdeutlichende Handgriff-Fotos zugeordnet.

Die schnelle Küche mit wenigen Zutaten steht hier mal nicht im Fokus, mitunter betreibt Bianca Zapatka einen erheblichen Aufwand (z.B. vegane Hähnchenkeulen, Rote Bete Wellington) – der die vegane Küche für zuhause auf ein neues Level hebt, an dem auch erfahrene Köch*innen ihre Freude haben dürften.

Weil alles gut und fachlich exakt erklärt ist, macht diese Liebe zu jedem Detail richtig Spaß – und liefert nebenbei auch Unmengen an Grundrezepten für Teige, Saucen, Marinaden, Brühen, Dressings… alles selbstgemacht.

Links:

Das Buch im Becker Joest Volk Verlag

Homepage Bianca Zapatka

Instagram: Bianca Zapatka

Stefanie Herkner – Wiener Küche mit Herz (Brandstätter Verlag)

Wäre es nach ihren Eltern gegangen, der Kochlegende Heinz Herkner und seiner Frau, aus dem berühmten Wiener Hauben-Wirtshaus Dornbach, wäre Stefanie Herkner alles geworden, nur bitte nicht Wirtin! Und eigentlich war das keine Bitte, sondern eine Ansage.

Stefanie Herkner studierte also brav erstmal Kulturmanagement in London, arbeitet für Galerien und Museen. Zum 30. Geburtstag obsiegte dann die Sehnsucht nach einem eigenen Wirtshaus, es folgte eine kurze Kochlehre und kurz darauf die Eröffnung ihres modernen Wiener Wirtshauses, das heute auch schon legendär ist: Zur Herknerin.

Ebenso (retro-)modern, gradlining, mit viel Witz und Charm kommt das Buch zu Stefanie Herkners Wiener Küche daher und das ist so ansprechend und fröhlich erzählt, dass man sofort loslegen mag, derweil man sich noch fragt, warum wir Deutschen eigentlich einen so verklemmten Umgang mit der der eigenen Küche haben. Gerade die Klassiker muss man gar nicht immer komplett neu erfinden – eine neue Erzählweise macht Lust auf die Wiederentdeckung.

Großartiges Buch, mit federleichten Texten von Julia Vitouch und knallschönen Bildern von Fotografin Olivia Wimmer, direkt aus dem Leben.

Links:

Das Buch im Brandstätter Verlag

Das Wirtshaus Zur Herknerin

Instagram: Zur Herknerin

Kristian Smith – Jamaika (Hädecke Verlag)

Treue Leser*innen wissen: Reggae ist, in all seinen Spielarten (Roots, Ska, Dub, Rocksteady), die Lebensmusik meines Herzens. Immer wieder beschäftige ich mit der Reggae-Kultur. Dazu gehört natürlich auch die jamaikanische Küche, die im deutschsprachigen Raum nur wenig erzählt ist.

Kristian Smith mit Vater, Foto © Christian Gustavsson

Es ist dem Hädecke Verlag zu danken, dass diese Lücke nun mit einer Lizenzausgabe aus Schweden gefüllt wird! Kristian Smith ist Sohn einer schwedischen Mutter und eines jamaikanischen Vaters, aufgewachsen ist er in London, wo afrikanische und karibische Kochkultur ganz selbstverständlich zuhause sind.

Es lohnt die Küche Jamaikas in all ihren Aspekten zu entdecken, dazu gehören Klassiker wie Jerk Chicken oder Ackee & Saltfisch, Banana-Fritters. Techniken zum Räuchern und Grillen werden gezeigt, es gibt ein paar grandiose Rubs und Marinaden, das macht das Buch auch zum etwas anderen Grillbuch für die kommende Saison.

Fleischfreunde kommen zudem mit Schmorgerichten, BBQs und Stews voll auf ihre Kosten. Tatsächlich ist die jamaikanische Küche aber auch eine vegetarische Offenbarung, mit diversen Fritters, Pickles, Currys, Rice&Peas… – neue Flavours und Würzungen, immer echt unkompliziert. Erwähnt werden müssen auch die reichlich süßen Köstlichkeiten am Ende des Buches, sowie die erfrischenden und “inspirierenden“ Getränke.

Links:

Das Buch im Hädecke Verlag

Instagram: Kristian Smith (Streetgastronomy)

Judit Neubauer - Taste of Memories – Rezepte und Geschichten (Hölker Verlag)

Im Sommer 2019, beim letzten internationalen FOOD PHOTO FESTIVAL im dänischen Vejle, lernte ich die Fotografin und gelernte Köchin Judit Neubauer kennen, die dort eine außergewöhnliche Projektidee vorstellte: ein Kochbuch mit Rezepten aus ihrem kleinen Dorf in Ungarn.

Mich begeisterte die fast schon romantische Bildsprache der Fotografie ebenso wie die Aussicht, Einblicke in die bei uns eher weniger erzählte, ungarische Küche zu bekommen. Nicht ohne Eigennutz also, stellte ich Verbindungen her… jetzt ist das traumschöne „Taste of Memories“ im Hölker Verlag erschienen, ein besonderes, ein zartes Kochbuch.

Judit Neubauer, Foto © Meli Egyed, Hölker Verlag

Judit Neubauer erlernte in Frankreich den Kochberuf, bildetet sich in New York auf dem French Culinary Institut weiter, arbeitete u.a. auch in einer handwerklichen Bäckerei in Malaga, führte ihr eigenes Bistro in der Budapester Innenstadt. Hier kommen Wissen und Handwerk mit dem Blick der Fotografin zusammen – und einer Neugierde auf die eigenen ungarischen Wurzeln.

Es sind vor allem die mündlich überlieferten Rezepte der Großmutter, die Judit Neubauer aufschrieb um sie zu bewahren – erstmals mit konkreten Mengenangaben versehen, von der passionierten Köchin.

Das Buch ist für seine hoffentlich zahlreichen Leser*inne eine charmante und authentische Annäherung an die ungarische Küche – mit einem erfreulichen Schwerpunkt auf Süßspeisen und Backwaren.

Links:

Das Buch im Hölker Verlag

Blog: Taste of Memories

Instagram: Judit Neubauer

Julia Momosé- Japanische Cocktails, Traditionen, Techniken und Rezepte (Dumont Verlag)

Japan und kein Ende – die Sparte deutschsprachiger, kulinarischer Literatur zum Thema, ist in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen und erfreut sich großer Popularität.

Auch die beiden Bücher, die ich beisteuern konnten, Meine japanische Küche und Meine grüne japanische Küche, entwickelten sich zu erfolgreichen und vielfach preisgekrönten Bestsellern.

Mich freut das anhaltende Interesse an japanischer Küchenkultur, denn hier können wir alle viel lernen, von spannenden Kochtechniken hin zur philosophischen Betrachtung einer ganzheitlichen und sorgfältigen Küche, in der jedes Detail von Bedeutung ist.

Julia Momosé, Foto © Kevin Miyazaki

Ein Buch fehlte noch im Kanon deutschsprachiger Japan-Culinaria: ein Cocktail- und Bar-Buch! Im Buch japanische Cocktails gelingt der in Japan geborenen und aufgewachsenen Mixologin Julia Momosé (Dinning Bar Kumiko,Chicago) ein echter Streich: ein Buch wie die japanische Genusskultur selbst – pointiert in Form und Inhalt, liebevoll gestaltet, dabei wissenstief und überraschend in jedem Detail. Und im übrigen umwerfend klar und ansprechend fotografiert!

Die fundierten Texte und traumhaften Fotos verdanken wir der, auf Getränkekultur spezialisierte Journalistin, Fotografin und James Beard-Preisträgerin Emma Janzen.

Der prächtige, zart-luftig gestaltet Band, macht das edle Buch zu einer der schönsten kulinarischen Veröffentlichungen des Jahres.

Der Form folgt der Inhalt: mit ausführlichen und interessanten Texten zur japanischen Trinkkultur und ihrer Historie, zu Zutaten, Werkzeugen und Techniken. Dazu ein großer Rezeptteil der den 24 japanischen Mikrojahreszeiten folgend, auch alkoholfreie Inspirationen liefert.

Auch die vielen Grundrezepte, Einkaufs- und Bar-Empfehlungen, sowie weiterführende Literaturempfehlungen machen dieses umfassende, neue Standardwerk zur Herzensempfehlung für Küche und Bar, für Laien wie für Profis.

Links:

Das Buch im Dumont Verlag

Homepage Bar Kumiko

Instagram Bar Kumiko

Corinna Lawrenz - Zu Gast in Portugal (Callwey Verlag)

Hach Portugal! Dem Land und seiner Küche gehört meine große kulinarische Liebe –  gleich nach Frankreich und Japan, mit deren Küchen ich quasi aufgewachsen bin. Portugal entdeckte ich wesentlich später und daraus resultiert meine respektvolle Zurückhaltung in Sachen portugiesischen Küche, die in meiner Arbeit nur selten aufblitzt.

Ich bin aber umso kritischer, wenn andere sich der nur vermeintlich schlichten portugiesischen Küche nähern, so wie die Wahlportugiesin und Kulturredakteurin Corinna Lawrenz mit diesem Buch im Coffee Table Format.

Corinna Lawrenz, Foto © Róza Kadi

Eine kulinarische Reise durch Portugal bietet dieser Band, mit einer Fülle an erhellenden und informativen Texten zu Land und Leuten –  und einer authentisch, modernen portugiesischen Küche, die ihre Wurzeln kennt.

Und das ist der Clou: die portugiesische Küche  wird im Buch von vielen Köchinnen, Köchen und Gastronomen des Landes selbst interpretiert.

Im Resultat kommen dazu noch ein Haufen Top-Adressen für den nächsten Portugalbesuch hinzu – tatsächlich auch mit Öffnungszeiten, Reservierungsmöglichkeiten und Insta-Adressen.

Landschaften, Menschen und Rezepte sind in bunter Lebendigkeit eingefangen von Fotografin Rósza Kadi! Die schönen Foodfotos sind leider viel zu oft nur als zu kleine Miniaturen über die Seiten mit viel Weißraum gestreut, das schafft Luftigkeit, klar, ich finde es als Kulinariker dennoch schade – der einzige kleine Kritikpunkt am ansonsten rundum gelungenen Portugal-Band.

Links:

Das Buch im Callwey Verlag

Instagram: Corinna Lawrenz

Anne-Katrin Weber & Wolfgang Schardt - Gartenkochbuch (Hölker Verlag)

Handwerk, Kreativität und ein visuelles Gespür, das eint auch das nächste Autorenteam: Anne-Katrin Weber ist gelernte Köchin und eine der fleißigsten deutschsprachigen Rezept-Autorinnen. Ihr vedanken wir zahlreiche brillante vegetarische und frankophile Kochbücher.

Anne-Katrin und ich, das ist bekannt und soll auch hier nicht verschwiegen werden, kennen uns seit Jahren und noch aus den Versuchsküchen von selig Gruner & Jahr und ich weiß, dass die Rezepte der Köchin und Ernährungswissenschaftlerin nicht nur kreative vegetarische Inspirationen bieten – sie funktionieren auch verlässlich.

Anne-Katrin Weber und Wolfgang Schardt, Foto © Wolfgang Schardt, Hölker Verlag.

Immer mit dabei, Fotograf Wolfgang Schardt, der mit seiner Arbeit nicht nur den ganz eigenen visuellen Look der Kochbücher prägt, sondern auch die Bildsprache des gemeinsamen Blogs Veggielicious.

Ihr neuster vegetarischer Streich führt die Beiden diesmal in Wolfgang Schardts Garten am Deich – in die Natur, dorthin wo gute Küche beginnt. Im Buch servieren die beiden eine Fülle an Rezepten zur grünen und charmanterweise diesmal nicht gänzlich pflanzlichen Küche rund ums Jahr – mit neuen Ideen und schönen Kombinationen, die man nicht schon überall gesehen hat. Und vor allem: selten so authentisch und ansprechend aufgetischt!

Links:

Das Buch im Hölker Verlag

Veggielicious Blog

Instagram: Veggielicious

Das NutriCulinary-Kochbuch des Jahres: Zineb Hattab, Zizi-Taste of Love (AT Verlag)

Am 17. Mai dieses Jahres, einen Tag vor der Verleihung des Swiss Gourmet Book Awards, sitze ich am frühen Abend in Zürich, im Straßengarten eines Restaurants, für das ich  an diesem Dienstag (!) nur mit Mühe und auf Warteliste einen letzten Platz bekommen habe.

Das vegane Restaurant KLE kenne ich zu diesem Zeitpunkt nur aus einer Folge von Kitchen Impossible. Ohne größere Erwartungen bestelle ich drei Gänge. Nach dem zweiten Gang bin ich hellwach und ändere meine Bestellung: das große Menü bitte!

Ich erlebe an diesem Abend eines der besten veganen Erfahrungen, die ich je hatte – ein so intelligentes wie süffiges, rein pflanzenbasiertes, kreatives Fine Dining Erlebnis der Spitzenklasse.

Zineb „Zizi“ Hattab, Foto © Erna Drion

Küchenchefin Zineb „Zizi“ Hattab (Stationen u.a. bei Andreas Caminada und Massimo Bottura) kocht zusammen mit Souschef Alessandro Saccaia und ihrem Team eine einzigartige Mischung aus levantinischen, japanischen, lateinamerikanischen, französischen und mexikanischen Einflüssen, basierend auf Schweizer Produkten, nachhaltig und regional. Und eigentlich geht es hier nicht (mehr) um „vegan“ – es ist eine einzigartige und eigene Küche!

Noch an diesem Abend erfahre ich vom superfreundlichen Serviecteam, es sei ein Kochbuch in Arbeit, der Name des AT Verlages fällt, dessen Bücher nicht ohne Grund regelmäßig in dieser Jahresbestenliste auftauchen.

Long Story short: hier ist es, eben erschienen, ein dickes Buch als frühe Werkschau der noch jungen Köchin, die zunächst als Software-Ingenieurin arbeitete.

Die Erzählung ihres Weges zur Köchin, die das Buch eröffnet, klingt so ganz anders als jene Stimmen aus der Presse, die den Beruf des Kochs für interessierte Frauen gerne stereotyp als Unzumutbarkeit schwarzmalen. Journalistin Kathia Baltisberger verdankt das Buch seine durchweg lesenswerten Texte.

Das Kochbuch des Jahres: eine Teamarbeit! Foto © Erna Drion

Die Rezepte in diesem jungen, modern gestalteten Buch mit Illustrationen der Artdirektion Delia Guerriero, zeigen Hattabs Küche, zeigen Signature Dishes, erste Klassiker  – und vermitteln nebenbei auch in dankenswert vielen Grundrezepten und einfachen Gerichten für Zuhause die Inspirationen aus Japan, Lateinamerika, Frankreich, Spanien, Mexiko, der Levante und der Schweiz, die die einmalige Stilistik im KLE prägen. Stilsicher und ganz eigen fotografiert von Fotografin Erna Drion.

Eine ganze Welt tut sich da auf, ganz klar mein Kochbuch des Jahres – das ahnte ich schon, damals im Mai, bei meinem Restaurantbesuch des Jahres.

Links:

Das Buch im AT Verlag

Homepage Restaurant KLE

Instagram: Restaurant KLE