Ein kulinarisches Wochenende in Lüneburg – Jahrestagung 2022 des Food Editors Club

Nachhaltigkeit und Zukunftsperspektiven das waren die zwei großen Themenschwerpunkte bei der Jahrestagung des Food Editors Club.

Seit über 50 Jahren gibt es den Zusammenschluss der in Deutschland arbeitender Food-Journalist*innen und kulinarischen Autor*innen, Aufgabe und Zielsetzung sind die Vermittlung und Förderung der Kulturthemen Essen und Trinken, der Austausch von Meinungen und Erfahrungen, die Förderung des journalistischen Nachwuchses. Bei den jährlichen Treffen wird getagt und Vereinsarbeit erledigt, geladene Gastredner sprechen zu interessanten Themen, immer aber gilt auch das Wort des ersten Präsidenten Arne Krüger: „Vergesst mir über aller Wissenschaft und Forschung die Feinschmeckerei nicht!“

Veggie-Büffet und Wein aus Lüneburg

Kunstsaal, Lüneburg

Meinen grundsätzlichen Argwohn gegenüber dem kulinarischen Konzept „Büffet“ musst ich beim get-together am Freitagabend im Kunstsaal Lüneburg überdenken. Dem Tagungsthema Nachhaltigkeit entsprechend, beschickten die Köchinnen Hanne Eis und Mina Rose Ringle vom Mill Lady Catering, aus ihrem Foodtruck heraus ein vegetarisch-veganes Menü von schlaraffischer Opulenz.

Antipasti aus dem Wendland, cremiger Labneh mit Brennessel-Pesto, wilder Rotkohl mit fermentierten Bärlauchsprossen und japanisch gepickelte Radieschen begleiteten duftende Gemüsekuchen und Piroggen.

Alles liebevoll angerichten und präsentiert und jeder Bissen ein Genuss, pointiert gewürzt, eigen und appetitlich. Ich konnte nicht aufhören, jeder Happen eine Welt. Riesenempfehlung geht raus!

Nordische Weinpioniere: Monika und Jan Alvermann/Foto: Witt Weine

Auch eine Überraschung an diesem Abend: Weine aus der Lüneburger Heide (!) großzügig ausgeschenkt von den norddeutsch Wein-Pionieren Jan Alvermann, Frau Monik und dem Sohn der Familie, vom Weingut Witt (Witt norddeutsch für Weiß) – und das war die Lüneburger Heide lang: bis 2018 ein weißer Fleck auf der Landkarte der Weinwelt. 2020 die erste Ernte, ehrliche klare und handwerklich sauber gearbeitet Weine, von Anfang an Bio-zertifziert.

Food Editors Club - neuer Vorstand, spannende Zukunftsperspektiven

Verein heißt ja immer auch Vereinskram, Abstimmungen und Papierkram, Der erledigten sich, noch unter Begleitung des scheidenden Vorstands und mittels tätiger Handzeichen-Meldungen: erfreulich schnell. Wichtigster Punkt des Tages: Neuwahl des Vorstandes! Zur Wahl standen ausschließlich Herren, was im Vorfeld zur berechtigten Diskussion führte, ob das denn sein könne, immerhin sind im Food Editors Club über 80 % der Mitglieder Frauen.

Die neue Schriftführerin Monika Cremer (ganz links) übernimmt von Joachim Römer, in der Mitte die neuen Vorstände, Kay Henner Menge und Nikolai Wojtko (r.) rechts gerahmt von der amtierenden und neuen Kassenführerin Christa Lösch, die sich noch einmal erbarmte.

Nicht nur aus Mangel an Mitbewerberinnen für den undankbaren Posten (der neben Gestaltungsmöglichkeiten vor allem und überwiegend auch Bürokratie bedeutet) gab es dann doch einstimmig Zuspruch für ein männliches Tandem geschätzter Kollegen: erster Vorsitzender ist jetzt Nikolai Wojtko (freier Journalist und Autor, u.a. Tartuffel) aus Köln, zweiter Vorsitzender ist Kay-Henner Menge (essen & trinken, freier Journalist und Kochbuchautor) aus Hamburg, der weiterhin auch der Nordgruppe vorstehen wird.

Neue Projekte: Kick off für den Food Editors Podcast und den FECampus

Zwei tolle Projekte, über die ich mich auch ganz persönlich freue: unter der Ägide der erfahrenen Journalistin Silke Liebig-Braunholz geht der Food Editors Podcast in die Entwicklung und an den Start: spannende Foodthemen, journalistisch-kritisch aufgearbeitet – das ist Neuland in der bunten Podcastwelt.

Die während der Pandemie gegründete Digitalgruppe des FEC, darf sich über ein einstimmiges Votum für ein Projekt freuen, dass Sarah Schocke, Inga Pfannebecker, Stefanie Hiekmann, Karen Schulz und ich schon länger planen – der FECampus kommt!

Der FECampus ist eine Idee, die den komplett geänderten Arbeitswelten im Foodjournalismus Rechnung trägt – eine Weiterbildungs-Präsenzveranstaltung mit Speaker*innen und Fachleuten, mit Panels und Debatten rund um Foodjournalismus, Digitales Publishing, Blogging, Freelance- und Coporate Writing.

Lüneburg - Markt der regionalen Köstlichkeiten

Lüneburg – die Hansestadt war immer schon Marktplatz und Handelsstadt auch für kulinarische Köstlichkeiten (Foto: Lüneburger Heide GmbH)

Unter dem Dach unseres Tagungsortes, dem historischen Glockenhaus in Lüneburg erlebten wir dann einen Foodmarket, der den Reichtum der Region widerspiegelt.

Eindrücklich war für mich das Gespräch mit Veronika und Sören, zwei der jungen Betreiber*innen des Ziegenhof Wendland, die nicht nur von „Produkt“ sprachen (die Käse aus der Hofkäserei sind grandios!), sondern mir im Gespräch auch die emotionale Seite der Arbeit mit den wunderbaren Tieren vermittelten.

Wendland Ziege ist Teamarbeit: Käsemacher Markus Obermayer, Sören und Veronika Obermayer /Foto: Tim Jaworr für Wendland Ziege

Ziegen, Rinder und Ackerkultur, alles kommt im Bioland-zertifizierten Betrieb Wendland Ziege zusammen. Im Glockenhaus hatte ich das Glück, die Käse von Käsemacher Markus Obermayer zu probieren. „Weichkäswürfel“ nennt sich der cremig-würzige Käse im Feta-Style, für mich ein Referenzprodukt in der Liga. Gilt auch für die beinahe schon zarten Schnittkäse. Große Empfehlung! Checkt die bildreiche und interessante Homepage und auch Instagram!

Der Bauckhof überraschte mich mit Bruderhahn-Curry, einem richtig guten Halloumi, gereiftem Berg(!)-Käse und würziger Geflügelsalami.

Die Bohlsener Mühle holte mich ab mit ihrem Snäckebrot – als passionierter Knäckebrot-Aficionado liebe ich vor allem die einzigartige Knusperleichtigkeit ihrer handlichen Knäckestreifen Snäckebrot!

Sönke Strampe brachte zusammen mit seiner Frau Anna, als erster die Süßkartoffel nach Norddeutschland.

Pionierarbeit: Sönke Strampe mit heimischen Süßkartoffeln /Foto:Strampe

Kniffelig, weil die Knolle es eigentlich ein bißchen wärmer braucht. Umso schöner, dass die reiche norddeutsche Erde die Trendknolle geschmacklich neu definiert. Sönkes Süßkartoffeln sind zudem zertifzierte Bioland Qualität. Richtig gut!

Lüneburger Stintmarkt (Foto: Lüneburger Heide GmbH)

Lüneburg liebt Schokolade und die Schokoladenmanufaktur Pralüne macht u.a. eine Nougat-Tafel, feinherb und cremig – könnte ich direkt so und jeden Tag…

Verwöhnt haben uns auch die Vollkornbäckerei Scharnebeck mit Ackerbohnen(!)Brot, bei Tausendgrün gabs Wald Dukkha, Heide Oliven und Kräutertee aus der Region. Der Hof an den Teichen macht richtig gute Gewürz- und Kräutermischungen, dazu Butter und ein paar Heidekartoffeln von Ellenberg – und fertig! Die Naturkostsafterei Voelkel macht immer schon geschmacksreiche, natürliche Säfte, begeisterte aber auch mit Ingwer-Shots und einem Haferdrink, da wird der Marktführer zu recht blass!

Wilde, milde Schönheit: die Lüneburger Heide (Foto: Lüneburger Heide GmbH )

Wie überhaupt Lüneburg und die Lüneburger Heide auch abseits der kulinarischen Vielfalt, ein lohendes Reiseziel sind. Das pittoreske Städtchen, mit der höchsten Kneipendichte in Europa nach Madrid, ist so schön wie lebendig – und die Lüneburger Heide mit den Heidschleife und dem Heidschnuckenweg ein nahes Naturerlebnis.

Landgemacht - mit dem NDR in der Lüneburger Heide

Große Bilder, spannende Geschichten: Landgemacht – die NDR Doku-Reihe nimmt Euch auch mit in die Lüneburger Heide! (Foto: NDR)

In der NDR Doku-Reihe Reihe Landgemacht findet sich auch eine Reise durch die kulinarischen Landschaften der Lüneburger Heide. Die Filme des Autors und geschätzten Kollegen Benjamin Cordes, könnt ihr auch online sehen, das Land und weiter spannende Produzent*innen der Region kennenlernen:

Nachhaltig-Dinner im Restaurant Viscvle

Restaurant Bar Viscvle

Das Samstag-Abend Dinner in der Restaurant Bar Viscvle wurde ein denkwürdiges Vergnügen: ich bin ein durchaus furchtloser und neugierig-offener Esser, musste aber an diesem Abend lernen, dass das Amuse mit einer Farce von der Nutria-Biberratte durchaus geeignet war, bei mir ein überraschendes Kopfkino in Gang zu setzen – als regionale Protein-Alternative gehört der Sumpfbiber aber durchaus ins Thema Nachhaltigkeit.

Die Heide-Gins der privaten Gin Brennerei Bosselmann halfen aber unverzüglich! Braucht mal ernsthaft noch einen Gin? Ja, der hat noch gefehlt: zweifache Menge Heide-Wachholder, weiches Heidewasser, regionale Botanicals, im London Dry Gin Verfahren gebrannt.

Nutria-Amuse, Neubrenner Bosselmann: „Weniger kann so viel mehr sein.“

Bosselmann ist ein Besessener, ein begnadeter Botschafter der eigenen Sache und ein großartiger Entertainer. Die limitierten Destillate des eher frisch gebackene Heidebrenners hat bereits unzählige große Preise der Gin Welt gewonnen – Bosselmann betonte am Abend, wie froh er sei, über diese neue Aufgabe nach Jahren im Controlling.

Größere Bekanntheit erlangte Gerhard Bosselmann im Frühjahr 2020. Damals noch als Chef von zehn Filialen der Hannoveraner Bäckerei Bosselmann verantwortlich, ging er während der Pandemie mit einem emotionalen Video viral, in dem er auf die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie für den Mittelstand hinwies. Heute ist Firma verkauft und in der Giffhorner Heidebäckerei aufgegangen. Bosselmann ist, sichtlich befreit, in seiner Brennerei angekommen: „Weniger kann so viel sein“. Solltet Ihr ein rares Fläschchen erhaschen: lasst den Tonic weg!

Im Viscvel nahm die Küche fahrt auf, mit Reh-Tatar in einer tiefwürzigen Wild-Bouillon und einem grandiosen Gemüse-Entrée: fermentierte Zuckerrübe mit gepickelten Möhren und Bachkresse – animierend, frisch und komplex.

Schön auch die Forelle mit ihrem Kaviar und gepickelten Zwiebeln, in samtiger Dashi-Nage! Ein fröhlicher und gastfreundlicher Abend! Ein besonderes Dankeschön auch an die Bar, die gegen später noch mit alkoholfreiem Fichtenspitzen-Likör mit Tonic erfrischte – feinherb und elegant, es fehlt nichts!

Die Vorträge

Gelernt haben wir natürlich auch was! Sonntagmorgen weckte uns Ulf Schönheim von der Regionalwert-AG mit einem spannenden, vollgepackten Vortrag über Regionalität und Nachhaltigkeit – beide, arg strapazierten, Begriffe bedürfen der Berücksichtigung eines Netzwerks an Faktoren, damit auch eingelöst wird, was die Begriffe oft allzu leichtfertig versprechen. Es geht um Boden und Wasser und Standorte, um Nährstoffe und Futter. Alle Wege, die zum Produkt und in den Handel führen, müssen ebenfalls eingeordnet werden.

Vor allem aber braucht Landwirtschaft auch Tiere, Diversität, eine Betrachtung der Böden und Möglichkeiten, ein System, dass sich bestenfalls selbst in einer Kreislaufwirtschaft unterstützt. Wege dazu sucht auch der Bauckhof, dessen öko-regionales Angebot auf Vielfalt basiert. Dau gehören eben auch Bruderhähne und Vermarkungsstrategien für Tiere, die in der Massentierhaltung immer noch geschreddert werden.

Boris Voelkel begeisterte mich mit einem in Teilen auch emotionalen Vortrag mit einblicken in den Familienbetrieb der Naturkostsafterei – die ihr Tun und Handeln immer hinterfragt und kontinuierlich am Nachhaltigkeitsgedanken arbeitet. Wie gelingt der Spagat zwischen regionaler Produktion (wie machen wir den besten Möhrensaft von hier?) und dem Engagement in fernen Ländern (wo und wie wird die Ernte für unsere Exoten eingefahren, was können wir dort, vor Ort bewirken?).

Abschlussessen im Hotel Einzigartig

Bevor es dann für alle Heimwärts ging, kehrten wir noch ein, ins Hotel Einzigartig – einem Hotel mit Restaurant im liebevoll restaurierten Altbau. Hier kommen Geschichte und Design unaufgeregt zusammen.

Hausherr Jörg Laser erzählte von den Bemühungen der Lüneburger Gatstronomie zwische Anspruch und Tourismus und dem Verein Lüneburger Gastronomen. Dazu gabs ein hinreißend zartes Schmorgericht von der Heidschnuckenkeule auf buttersatt-cremigen Karoffelpürree, mit Bohnen-Birnengemüse im Speckmantel.

Wieder war die Jahrestagung des Food Editors Club eine bunte Tüte an neuen Ideen und Inspirationen, ein Think Tank über Zukunftsperspektiven. Ein Riesendankeschön an das Planungsteam mit Anna Ort-Gottwald, Sabine Zarling, Marie-Louise Barchfeld,  Christa Lösch und Jan Peters. Ich freue mich auf das laufende und kommende Jahr, auf die neuen Projekte an denen wir jetzt gemeinsam arbeiten.

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