Gelesen: "Der Koch" von Martin Suter

„Darauf muss man erstmal kommen, die kulinarischen Verführungskünste eines tamilischen Asylbewerbers sexualtherapeutisch einzusetzen“

…schreibt Martin Suter selbst, auf Seite 121 seines neuen Romans Der Koch, der jetzt im Diogenes Verlag erschienen ist. Und tatsächlich ist sie erstmal schön schräg, die Geschichte von Maravan, Topfspüler und Laufbursche in einem Zürcher Sternerestaurant, der nach seiner Entlassung das Wissen um die Küche seiner Heimat mit modernsten Molekularküchen-Erkenntnissen verbindet und als genialischer Koch aphrodisische Menüs kreiert.

Love Food heißt der Cateringservice der besonderen Art, für den er von seiner ebenfalls arbeitslos gewordenen Ex-Kollegin Andrea verpflichtet wird. Hochaktuell, zwischen Wirtschaftskrise und Waffenhandel, dem Bürgerkrieg in Sri Lanka und eidgenössischer Asylpolitik erzählt Martin Suter Maravans Geschichte, dessen Kochkunst zunächst lediglich müde Ehepaare munter macht. Später befeuern seine Rezepturen auch die Libido ergrauter Wirtschaftsbosse, denen begleitend zum Menü charmante junge Damen serviert werden. Das passt Maravan nicht, der aber die Love Food-Einkünfte braucht um Angehörige in Sri Lanka zu unterstützen. Als seine Ziehmutter und Großtante stirbt und sein 15 jähriger Neffe Ulagu als Kindersoldat umkommt, kocht Maravan ein letztes Mal für Love Food. Und ändert die Rezeptur.

Es mag nicht Suters größter Wurf sein, Kritiker werfen dem Roman vor, er sei thematisch überladen, schwarz-weiß sei der Blick des Autors auf den Weltenlauf. Lesenswert und kurzweilig ist das Buch allemal, in gewohnt klarer, präziser Sprache und dem ihm eigenen, trockenen Humor erzählt Suter eine Geschichte an der besonders Kulinariker ihre Freude haben dürften. Ein hintergründiger Spaß, wenn der Küchenchef des Sternerestaurants Huwyler „Glasierte Langostinas mit Reiskrokant auf Currygelee“ auf die Speisekarte dichtet und eben jenes Gericht, ein paar Seiten später wieder am Tisch eines Gastes auftaucht, als „ …glasierte Riesencrevetten auf einer etwas unangenehm schmeckenden Sülze“. Auch die detaillierte Beschreibung eines Herzanfalls im laufenden Restaurantbetrieb, in dessen Folge ein Fichtennadelraumspray eine Rolle spielt, ist von großer Situationskomik.

Herzstück des Buches sind aber die mundwässernden Beschreibungen der Love-Food-Menüs und ihrer Herstellung. Das Allgemeinwissen um die aphrodisische Wirkung von Lebensmitteln und Rezepturen basiert gewöhnlich auf Vermutungen und Herrenwitzen, doch selbst Zweifler könnten bei Maravans Künsten zumindest Appetit bekommen. Minichapatis mit Curryblätter-Zimt-Kokosöl-Essenz werden gereicht, Churaa Varai auf Nivara-Reis mit Mintschaum, Eislutscher aus Lakritz-Honig-Ghee werden gereicht, Koteletts vom Milchlamm in Jardaloo-Essenz, buchenholzgeräuchertes Tandoori-Stubenküken auf Tomaten-Butter-Paprikagelee…insgesamt 16 Rezepte tischen Maravan und Martin Suter gemeinsam auf, dankenswerterweise finden sich aller Rezepte im Anhang des Buches. Suter konnte hierfür Heiko Antoniewicz gewinnen, dessen Kochbücher und Rezepturen Suter inspirierten. Antoniewicz sorgte auch dafür, dass die Rezepte „mit wenig aufwendigem Gerät“ nachkochbar sind, alle Zutaten finden sich zumindest im gut sortierten Asia-Laden.

Der Koch
von Martin Suter

Roman, Hardcover Leinen, 320 Seiten
Diogenes Verlag, Zürich
ISBN 978-3-257-06739-2
€ (D) 21.90 / sFr 38.90* / € (A) 22.60

Instagram Feed Instagram Feed Instagram Feed Instagram Feed Instagram Feed Instagram Feed
Weitere Beiträge
Ein Wochenende in Antwerpen