Longdrinks: Cocktails für Puristen mit Geschmack & Bremse

Jetzt neu: Sommer, Sonne, Sonnenschein. Deutschland sitzt auf der Strasse, hat Durst und jammert: „Ja nee, noch ein Bier, nee, das macht immer so ein Völlegefühl, und Weißwein, ach nee, da krieg ich immer so rote Flecken auf den Wangen, ja und Rotwein, also ich werde da immer so müde von, ach, neeee.“ Es ist ein bisschen so, als lausche man Rüdiger Hoffmann. Aber Alkohol wäre schon schön, da ist man sich einig. Ratlosigkeit macht sich breit auf dem bestuhlten Boulevard. Mürrisches Achselzucken am Nachbartisch. Rettung naht in Form der studentischen Aushilfskraft, die mit Schwung einen signalgelben Zettel aus den Tiefen der ledergebundenen Getränkekarte hervorzaubert: „Wir ham jetz auch Longdrings!“ Die Männerrunde blickt irritiert auf das fotokopierte Zusatzprogramm: „Sind das Cocktails?“, fragt das Rüdiger Hoffmann-Sprachdouble. „Ja, fast. So ähnlich halt“ antwortet das junge Mädchen, und ich lache leise in meinen Gin Tonic.

Longdrinks sind erstmal eine schöne Sache. In den hohen, schlanken Gläsern gleichen Namens werden Spirituosen mit einem so genannten „Filler“, meistens Saft oder Soda, gefälliger gemacht, das ganze gern auf Eis. Ab 14 cl Füllmenge darf der Genießer behaupten, einen Longdrink in der Hand zu halten. Klassiker sind z.B. die Bloody Mary (Wodka und Tomatensaft), der Cuba Libre (Rum und Cola) oder der Campari Soda. Im Gegensatz zu den verwandten Cocktails entfallen dankenswerterweise üppige Dekorationsorgien am Glasrand, die Inhaltsstoffe sind übersichtlich, und daher ist ein Longdrink in seiner Wirkung ein kleines bisschen berechenbarer als ein vielschichtiger Cocktail.

Die Schattenseiten der Longdrink-Kultur sind am Nachbartisch zu bestaunen. Der Fantasie sind nämlich leider keine Grenzen gesetzt, und unter großem Gelächter bestellen die Jungs Longdrinks mit Namen wie Russischer Genickbrecher, Pflaumenprizz und Jagdschein. Ach Du liebe Güte! Ich sehe heimlich auf dem gelben Zettel nach. Der Genickbrecher vermählt Wodka und Apfelsaft, der Name bezieht sich wohl auf bedauerliche Leiterstürze während der Apfelernte in der Russischen Föderation. Das geht ja noch. Der Pflaumenprizz aber besteht aus süßem Pflaumenlikör mit süßer Orangenlimonade, der Jagdschein verhunzt einen Kräuterlikör mit einem Energy-Drink. Ich bin entsetzt, die Nachbarn begeistert. Hihi-haha-huhu. Die Jungs trinken zügig aus und entdecken gleich wieder Trinkenswertes. Ein zweites Tablett wird gebracht.

Was die fröhlichen Trinker nicht merken: es schmeckt nicht jede Kombination, nur weil sie in ein Longdrinkglas passt. Ein wenig guter Geschmack und ein gesunden Respekt vor den zu vermählenden Produkten ist in jedem Fall hilfreich. Faustregel auch hier: weniger versteckter Zucker ist mehr, und in diesem Fall sind es nicht die Zähne, die geschützt werden sollten. Am Nachbartisch wird, nach einer dritten Runde, zur Rechnung auch Lehrgeld gezahlt. Die harmlos schmeckenden Drinks zeigen Wirkung. Aus süffig wird besoffen. Müde Äuglein werden gerieben, gähnend Blähbäuche gehalten und Limonade gerülpst, ein Teilnehmer der Runde trägt rote Flecken auf den Wangen. Gejammert wird jetzt auch wieder. Über die zu heiße Abendsonne.

Also ich bestell mir jetzt noch einen schönen Cape Codder. Das ist Wodka mit Cranberrysaft auf Eis. Schmeckt sensationell erfrischen und schön herb. Dann ist aber Schluss. Der Sommer ist schließlich noch long.

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