Karneval im Norden: der Deich, die grauen Erbsen, diese Ruhe

Heute ist es wieder so weit. Unweit von Hamburg, im kleinen Städtchen Elmshorn, das gerade ins Gerede gekommen ist, weil die Politik dort für gutes Geld die, nennen wir es mal “polarisierende“, neue Stadtmarke Elmshorn supernormal entwickeln ließ, kommt am heutigen Tag ein Traditionsgericht auf die Tische der Wirtshäuser, das alles andere als normal ist, mehr noch: einzigartig.

Nur in und um Elmshorn gibt es, an einem einzigen Tag im Feburar, dieses mikroregionale Gericht: Graue Erbsen. Am Faschingsdienstag sind alle Wirtshäuser belegt bis auf den letzten Platz und mit Fasching hat das alles aber nichts zu tun. Denn Fasching, das ist hier oben vor alle: diese Ruhe! Herrlich.

Nein, die Elmshorner löffeln ihre grauen Erbsen aus Dankbarkeit, denn die Kapuzinererbsen, eigentlich ein Tierfutter, retteten im dreißigjährigen Krieg, den Bewohnern des von den Dänen belagerten Fleckchens an der Krückau das Leben. Die ganze Geschichte erzähle ich im Effilee-Magazin #39 (Winter).

Ich habe eingeheiratet ins schöne Elmshorn und durfte gestern schon mal kosten, bei Onkel Niels, der in der Margarethen-Klause fraglos die wohl besten grauen Erbsen des Nordens auftischt. Die sind gar nicht grau, sondern eher rotbraun und cremig eingekocht. Das Gericht erinnert an schwäbische Linsen, ein bisschen Erbseneintopf schwingt auch mit, und doch schmecken die grauen Erbsen ganz eigen, würzig und fleischig.

Geweicht in Wasser, gekocht und eingekocht in Speckbrühe mit Suppengrün und dann serviert mit Speck-Stippe (ausgelassenem Speck in seinem Fett, plus Butter). Dazu Bauch und Kasseler und Kochrauchwurst, die herrlich stückig, fleischig ist und beim Anschneiden spritzten kann. Kartoffeln noch und Senf dazu, der in der Nase brennt.

Original (Niels Pöhlmann) und Fälschung (Andrea Thode (Foto) und Stevan Paul für Effilee)

Ein Rezept für den Hausgebrauch habe ich Onkle Niels abgeschwatzt, für die Effilee entwickelt und hier notiert – dennoch, gestern wurde klar, das Original rockt einfach mehr. Das liegt ein bisschen an den rauen Mengen, die hier zubereitet werden und auch ein bißchen an: „…den Dingen die wir nicht ins Rezept schreiben, um das Original zu wahren!“, erklärte der Onkel gestern Abend lachend am großen Topf.

Zu den Grauen Erbsen gibts Bier und dann den guten Kümmel und gestern Abend schaute noch der Barde Joachim „Joki“ Theege vorbei und alle singen zusammen, alte und auch sehr lustige Lieder (können sie hier oben auch ganz ohne Karneval und so trocken, dass man gleich noch einen Schnaps braucht), teils auf Platt, und eines besingt auch, natürlich, die Grauen Erbsen:

Graue Erbsen mit Zwiebeln und Speck,
da kommt man so schnell nicht mehr weg,
Kartoffeln und Kochwurst dabei
und dann noch n Schnaps oder zwei!

(Graue Arven von Joachim Theege hier reinhören)

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