schluck – Das “anstössige” Weinmagazin ist da!

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Das Cover ist schon mal eine Zumutung, wenn auch eine mit Geschichte (die im Heft erzählt wird). Wer aber, wie ich, das neonleuchtende Magazin mit der Fotografie eines mehr oder weniger angezogenen Paares in Räkelstellung erstmals in der Öffentlichkeit eines Flughafens rausholt, verspürt den dringlichen Wunsch allen zuzurufen: es ist ein Weinmagazin, wirklich! Ein anstössiges eben, wie der Untertitel des Magazins erklärt und ich darf das gleich mal ausbaden, hier am Flughafen.

schluck beginnt, und das will ich garnicht verschweigen, mit ein paar Fotos der Mitwirkenden und die finden sich beinahe allesamt auch in meinen Social Media-Timelines. Das Heft haben Freunde gemacht, Kollegen, denkende KulinarikerInnnen die ich aus Nähe und Ferne lang schon verfolge, gerne lese. Es sei mir also bereits an dieser Stelle zu Recht jede Neutralität bei der Bewertung des Magazins abgesprochen, ich will es dennoch versuchen, denn ein neues Weinmagazin aus Deutschland, eines das vieles anders machen will, anstößig sein will, im Sinne von Ecken und Kanten und Unbequem, das ist schon einen konzentrierten Blick wert.

Einstieg mit einer saftigen Geschichte von Chefredakteur Manfred Klimek, über einen Existenz-bedrohenden Hagelschlag der in der Provençe eine Ernte verwüstet und der folgenden, beispiellosen Solidarität einiger Winzer der Gegend, die dem Kollegen in der Not doch noch zu einer Ernte verhelfen. Es folgt ein Interview mit dem österreichischen Winzer Alwin Jurtschitsch und dessen Erfahrungen und Gedanken zum Thema Natural Wine. Soweit, so gut. So unterhaltsam vor allem.

Dann: Klimek war in Modena, bei Massimo Bottura und er schreibt es am Ende des Artikels selbst: „Nein, die Kreationen sprechen sowieso für Sie, das Lokal und das Konzept auch. Und den Rest hätte ich mir im Internet zusammenklauen können.“ Recht hat er, denn dem Portrait des kreativen Meisterkochs aus der aktuellen und vielgesehenen Netflix-Serie „Chef’s Table“ ist nur schwerlich noch etwas hinzuzufügen. Hier der Trailer:

Irritierend ist Klimeks „Abrechnung“ mit den „Steakfressern“, denen er ihr Steak „in die Fresse knallen“ will – es ist genau jene Reflex-Aggressivität denen man auch bei Diskussionsversuchen in veganen Kreisen immer wieder begegnet und das ist nicht hilfreich. Klimek reicht der wortreiche Rundumschlag, nur am Rand wird wirklich angerissen, welche Folgen und Probleme die Steakfresser-Mentalität verursacht, vom Nose to Tail-Gegenentwurf kein Wort. Und anstössig? Ja das ist der Text, es bleiben aber, statt neu gewonnener Erkenntnis, nur blaue Flecken.

schluck-Initiator Paul Truszkowski (die beiden anderen sind Julia Klüber und Christian Schärmer) interviewt den Architekten Andreas Burghardt, der über neue Formen und Funktionen von Weingütern nachdenkt und eine neue Sprache für die Nutzarchitektur von Weingütern entwickelt, das ist interessant und überraschend wie der Beitrag über den Phantom-Fütterer von Bad Gastein von Birte & Paul Huizing (einfach lecker essen-Blog), sowas will ich lesen.

Sommelier und Nobelhart & Schmutzig-Querdenker Billy Wagner ist der erste von drei BeiträgerInnnen der Heft-Rubrik “10 Lieder / 1 Leben”, die Idee der biographisch gefärbten Musik-Compilation finde ich großartig und pfeife aus dem Stand „Love, Music, Wine and Revolution (“World Love“) von den Magnetic Fields:

Wieder Klimek, diesmal über den Rausch und danach gleich Sebastian Bordthäuser zum Thema und das Doppel liest sich weg wie Sahne und jetzt gibt’s auch mal was zu kichern, Felix Bodmann legt mit seinen Gedanken über Sex und Wein direkt nach, klasse! Und auch Wolfgang Retters Text über Etikettentrinker, später im Heft, ist so wahr wie vergnüglich und lesenswert. Es folgen ein paar Hochglanzseiten mit Weinetiketten aus der Charlie Hebdo Redaktion und einem sehr guten und klugen Text dazu, von Friedrich Oswald.

Und dann kommts. Es gibt was zu essen ! Ein gutes Essen verlangt nach einem guten Wein und auch umgekehrt liegt für mich erst im Wechselspiel der vollkommene Genuss. Und ein Genuss ist die Foodstrecke, die sechs FoodbloggerInnen servieren, der gedankliche Brückenschlag zur Überschrift „Ersatzbefriedigung“ will mir allerdings nicht gelingen.

Vanessa Gürtlers Geschichte des Alkohols als Heilmittel vergnügt und macht schlauer, erwähnt seien hier auch die überall ins Heft getuschten Graphiken von Ekaterina Koroleva, traumhaft schön und leicht. Nina Anika Klotz interviewt auf den nächsten Seiten den Craft Beer Star Greg Koch – schön, dass bei schluck offensichtlich auch interdisziplinär gedacht wird. Gleiches gilt für die Wortmeldung des geschätzten Kollegen Hendrik Haase der, ein paar Seiten später, so vergnüglich wie klug aufzeigt, dass Wein und Wurst nach einem Gleichstellungsbeauftragten verlangen. Überraschend auch das Ergebnis von Holger Kleins (wrint.de) Suche nach der besten Bulette in Berlin, das Ergebnis ist so schräg, ich muss da hin.

Lesenwert auch die Rheingau-Geschichte von Helmut O. Knall oder Friedrich Oswalds chamrmantes Weinmacher-Portrait über Tomoko Kuriyama und für Fortgeschrittene wie Laien gibt es lehrreiches über die Rebsorten und Böden der Champagne von Christoph Raffelt (originalverkorkt.de), toll!

Nochmal Klimek, sehr vergnüglich und mit der vollen Wahrheit über das Weinvokabular bei Verkostungen, plus einem Aufruf dem Folge zu leisten ist. Der junge Sommelier Steve Breitzke berichtet von seinem Werdegang und dem Leben als „Piefke“ in Wien, Auftakt wohl zu einer Serie von Empfehlungen, den Anfang macht Christian Tschida aus dem Burgenland, guter Typ, spannende Weine, das ist richtig.

Und dann kommt Schneider, Markus Schneider, dessen Weine irgendwie in aller Munde sind, Torsten Goffin erklärt warum das so ist und warum das völlig zu Recht so ist. Zum Schluss gibt es nochmal Musik und eine Kieztour mit der Redaktion, samt anhängiger Kritik zum neuen Hauptstadt-Weinort „Neue Heimat“, dit is Berlin, wa.

Das neue Konzept, die Mischung der Themen und Tonlagen, die völliger Abwesenheit jeglicher Wein-Wichtigtuerei und nicht zuletzt das schöne Graphikdesign haben mich gänzlich überzeugt. schluck wurde mir ungefragt (und in diesem Fall mal dankenswerter Weise!) zugeschickt – ich bin direkt Abonnent geworden. Zweimal im Jahr kommt schluck ins Haus, das Jahresabo für 19 Euro im Inland, deal, ich freu mich schon auf die nächste Ausgabe.

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