Interview: Frischepost, der Online-Hofladen – vom Feld auf den Tisch. Wie funktioniert das?

So sehen Siegerinnen aus! Juliane Eichblatt und Eva Neugebauer von der Frischepost bei den Lecker Liebling Awards 2017, Laudator mittig

Ich stehe Lebensmittel-Lieferdiensten skeptisch gegenüber. Brauchen aktive Städter Lebensmittellieferanten, in der Großstadt, mit all den Möglichkeiten, mit der gegebeben Infrastruktur, dem üppigen Angebot aus Märkten und Läden, den neuen Ladenöffnungszeiten bis 22.00 Uhr, wirklich noch einen Lieferdienst? Dann erfuhr ich von der Frischepost, die sich als Online-Hofladen versteht, regional und vom Feld auf den Tisch. Auch da hatte ich Fragen, was bedeutet das, wer sind die Lieferanten, was ist eigentlich regional? Wie sieht es aus mit Verpackungen und Lieferzeiten. Macht das Sinn?

Ich habe dann das Angebot selbst, und ein zweites Mal auch als Jury-Mitglied des Lecker-Lieblings Awards, testen und prüfen können. Vergangenen Donnerstag wurden im Rahmen der BAUER Food Trend Tage, die Preise vergeben und in der Herz- und Königs-Kategorie Food-Startup, durfte ich den Lecker Lieblings Award an Juliane Eichblatt und Eva Neugebauer von der Frischepost überreichen. Herzlichen Glückwunsch! Anlässlich der Preisverleihung habe ich mich mit den Gründerinnen über ihr Unternehmen unterhalten:

Stevan: Ich lebe in der Stadt mit guten Wochenmärkten und Supermärkte im näheren Umfeld, warum sollte ich bei Frischepost bestellen?

Jule: Frischepost ist kein typischer Lebensmittelhändler, wir sind wie ein Online-Hofladen. Wir liefern die besten und frischesten Lebensmittel direkt vom Erzeuger zu Dir nach Hause. Ohne Umwege, ohne Lagerung, ohne Abo Pflicht und ohne Lebensmittelabfälle. Wir kaufen bei unseren Erzeugern nämlich nur das ein, was unsere Kunden bestellt haben. Daraufhin wird geerntet, gemolken, geschlachtet und gebacken – der Salat, der morgens auf dem Acker geerntet wird, wird noch am selben Tag mit unseren Elektrofahrzeugen in Deine Küche gebracht. Das ist eine Frische, die es nirgendwo anders gibt! Und den Unterschied zu Supermarktprodukten schmeckt man auch. Die unbehandelte Vorzugsmilch vom Milchhof Reitbrook schmeckt vollmundig und erinnert an die Kindheit auf dem Land. Das richtige Geschmackserlebnis gibt es nämlich nur, wenn Früchte reifen dürfen, wenn Brot Zeit zum Gehen hat, wenn der Joghurt handgerührt wird und wenn ein Tier ohne Stress geschlachtet wird. Auf dem Isemarkt bei mir um die Ecke gibt es noch viele authentische Erzeuger mit gutem Angebot. Doch auch viele Wochenmarktstände werden heutzutage von Händlern geführt, die ihre Lebensmittel auf dem Großmarkt einkaufen und wenig über die Herkunft ihrer Produkte sagen können. Auf dem Acker stehen und gleichzeitig einen Stand auf dem Wochenmarkt betreiben – das ist für viele Landwirte leider nicht machbar. Mein Vater ist Landwirt und von ihm habe ich gelernt, dass sich ein guter Bauer auf seine Ernte konzentrieren will und weder die Ressourcen noch das Wissen hat, wie man die Produkte zum Endverbraucher in die Stadt bringt. Dafür gibt es also Frischepost. (lacht)

Stevan: Was macht Euch im Vergleich mit anderen Versendern guter Lebensmittel so unique?

Eva: Es gibt tatsächlich nicht viele Lieferdienste, die vom Angebot und Service her nah an unser Geschäft herankommen. Du findest schon einige Anbieter, die deutschlandweit hochwertige Spezialitäten, Fleisch & Wurst oder Weine versenden. Und dann gibt es natürlich Rewe Online, Allyouneed und Amazon Fresh, die rein auf Convenience und günstige Preise setzen. Das ist aber nicht unser Ansatz. Wir führen ca. 800 Produkte von 100 Produzenten im Sortiment, die einfach besonders sind und nicht in einem Rewe Sortiment zu finden wären. Authentische, ehrliche Lebensmittel vom Hof, kein Schickimicki und mit viel Liebe und Handarbeit hergestellt. Unabhängig vom Sortiment haben wir uns auch durch unsere nachhaltige Logistik hervor. Unsere Lebensmittel sind in Mehrwegboxen verpackt, und geliefert wird mit Elektroautos und Lastenrädern im Hamburger Stadtgebiet.

Stevan: Ihr arbeitet ausschließlich mit regionalen Produzenten – was bedeutet Regionalität ganz konkret für Euch?

Jule: „Regional“ sind bei uns Produkte, die im Umkreis von ca. 100 km rund um Hamburg hergestellt bzw. geerntet werden. Sobald mehr als 20% der Zutaten nicht aus der Region stammen, wird bei uns das Produkt als „Regional veredelt“ im Shop angezeigt. Zum Beispiel ist dies so, wenn eine Marmelade in Hamburg hergestellt wird, die Hauptzutat aber nicht aus unserer Region kommt. Wollen wir auf den Genuss von Südfrüchten gänzlich verzichten? Was ist mit Bananen, Avocados und Orangen? In unserem ersten Winter haben wir bemerkt, wie unser Obst- und Gemüseangebot wöchentlich immer kleiner und kleiner wurde. Wie regional kann und möchte man sich ernähren? Mit Frischepost wollen wir unsere Region und deren Vielfalt maximal ausschöpfen. Das bedeutet für uns allerdings nicht, dass wir auf Produkte, die es in unserer Region nicht gibt, gänzlich verzichten sollten. Wir haben uns also auf die Suche gemacht und einen tollen Erzeuger für Bio-Orangen aus Sizilien gefunden. Unsere Bio Bananen kommen von der Guidom Farm aus der Dominikanischen Republik. Eva ist dieses Jahr dorthin geflogen, hat sich alles angeschaut und daraus ist eine tolle Film-Reportage entstanden. Das ist genau die Transparenz, die wir uns auf die Fahne schreiben können: wir wissen bei jedem einzelnen Produkt, wer es hergestellt hat und woher es kommt.
Übrigens: auch wenn wir den Schritt gegangen sind und überregionale Produkte ins Sortiment aufgenommen haben, so spiegeln diese Produkte nur maximal 10% unseres Gesamtsortiments wieder.

Stevan: Was haben denn die regionalen Produzenten von der Zusammenarbeit mit Euch?

Eva: Unsere Produzenten sind Bauern und Eigentümer kleiner Höfe, Manufakturen und Bäckereien, die ihre Betriebe meist seit Generationen führen, mit großer Leidenschaft bei der Sache sind und sich sehr stark mit ihrem Produkt identifizieren. Es sind in unseren Augen „Perlen“, nach denen wir suchen und uns zum Ziel setzen sie in der Stadt bekannt zu machen. Wir verstehen uns also als Kurator und als Vermarkter der Produkte. Die Produzenten profitieren nicht nur durch den neuen Absatzkanal, sondern auch durch bessere Preise (verglichen zum Großhandel) und durch Zeitersparnis. Denn die eigene Direktvermarktung ist für viele unserer Produzenten zeitlich und ressourcentechnisch sehr aufwändig – mit wenigen Joghurts und zwei Litern Milch in den 5. Stock einer Eppendorfer Wohnung zu liefern lohnt sich für sie leider nicht.

Langfristig können und möchten wir unseren Produzenten auch bei der Anbau- und Sortimentsplanung helfen. Denn die Daten von den derzeit immerhin schon mehr als 3.000 Hamburger Haushalten lassen ja auch ganz gut erkennen, welche Salate und Gemüsesorten gefragt sind und welche nicht. Bereits heute ist es so, dass sich unsere Kunden bestimmte Produkte im Sortiment wünschen und unsere Produzenten ihr Angebot daraufhin anpassen bzw. erweitern. So etwas macht echt Spaß!

Stevan: Ist die Zusammenarbeit mit regionalen Produzenten in Hamburg besonders einfach, leben wir in einem, an guten Produkten reichem Umland?

Jule: Wir haben bisher keinerlei Probleme gehabt, gute und nachhaltig agierende Produzenten in unserer Region zu finden, die geschmackvolle und hochwertige Lebensmittel anbieten können. Hamburg und seine Umgebung mit dem Alten Land, Vierlanden und Schleswig-Holstein mit einer dichten landwirtschaftlichen Nutzfläche bietet uns eine tolle regionale Vielfalt. Die Herausforderung ist eher die Logistik – wie kommen die guten Produkte also täglich frisch und möglichst schnell vom Hof in die Stadt? Bei uns wird ja immer nur das beim Produzenten bestellt, was unsere Kunden für einen Liefertag bestellt haben. Diese Koordination bedeutet extrem viel Arbeit für alle Parteien.

Stevan: Wäre denn Vergleichbares in, bsp. Berlin oder Köln möglich? Habt Ihr Expansionspläne?

Eva: Unser Ziel ist es auf jeden Fall, dass es Frischepost nicht nur in Hamburg, sondern auch in anderen großen Städten in Deutschland geben soll. Städte wie München, Stuttgart und Köln würden sich unserer Meinung nach am Besten dafür anbieten. Und in vielen Städten gibt es ja bereits ähnliche Lösungsmodelle durch Abokisten von Biohöfen. Es könnte Sinn machen, dass wir uns mit bereits existierenden Lieferdiensten zusammen tun, als dass wir alles noch einmal neu aufbauen. Dieses Jahr konzentrieren wir uns noch zu 100% auf den Hamburger Markt und arbeiten daran, nicht nur beim Endverbraucher bekannt zu sein, sondern auch in den Medien und in der Gastronomie. So kochen zB bereits Benny aus der Guten Botschaft und Fabio aus der Tarterie mit unseren Zutaten. Kooperationen mit Hamburger Gesichtern, wie zB Yared Dibaba stehen an. Für uns steht fest, dass Hamburg als „proof of concept“ stehen muss, bevor wir einen neuen Standort aufmachen. Ein paar Gespräche und Pläne in die Richtung gibt es aber bereits. 🙂

Stevan: Bei meiner Probebestellung kam der Fahrer noch um 20 Uhr – und zwar gut gelaunt und freundlich. Wie erreichen mich meine Bestellung in der Regel – und was passiert wenn ich mal nicht da bin?

Eva: Wir liefern an vier Tagen die Woche (Di, Do, Fr. und Sa.) und Du kannst als Kunde ein Zeitfenster wählen, zu dem unser Fahrer kommen soll. Unsere Mehrwegbox ist mit Akkus gekühlt und kann bis 23 Uhr vor Deiner Wohnungstür (oder an einem anderen Abstellort, den Du beim Bestellen angeben kannst) auf Dich warten. Es ist also überhaupt kein Problem, wenn Du bei der Lieferung nicht zu Hause bist. Wir haben in den letzten zwei Jahren noch nie die Situation gehabt, dass eine Box nicht zustellbar war. Wenn Du allerdings zu Hause sein möchtest, wenn unser Fahrer kommt, dann kannst Du zwei- oder auch einstündige Zeitfenster buchen – wir kommen dann zwischen 16-18 Uhr, 18-20 Uhr oder auch zwischen 20-22 Uhr. Am Samstag liefern wir zwischen 9 und 13 Uhr aus, auch hier gibt es Zeitfenster zur Auswahl. Als Alternative zur Lieferung bieten wir auch noch die Möglichkeit an, dass Du als Kunde Deine Frischepost in einer unserer Abholstationen abholen kannst: bei uns im Lager in der Speicherstadt und in ausgewählten BUDNI Filialen. Du sparst dabei nicht nur die Liefergebühren, sondern bist auch noch flexibel bzgl. der Abholzeiten, die wir pro Abholstation angeben.
Wer herausfinden möchte, ob wir ein bestimmtes PLZ Gebiet beliefern und was die Lieferung kostet, kann dies über diesen Link herausfinden :https://frischepost.de/lieferung

Stevan: Meine Bestellung erreichte mich im Mehrweg-Box-Karton und gut gekühlt, das Gemüse beschriftete in Tüten, Teile der Kartonage waren nochmals als Recycling-fähig ausgewiesen – klappt das denn mit der Rückgabe und dem Pfand? Was mache ich mit den Gel-Kissen? Und wie sieht es mit der Hygiene aus, bei den Rückgabe-Kartons?

Eva: Wir haben uns ganz bewusst für diesen aufwändigen und nachhaltigen Verpackungskreislauf entschieden, da wir entsetzt darüber sind, wie viel Verpackungsmüll im Onlinehandel entsteht. Wir nehmen generell alles von unseren Kunden zurück, egal ob die Flasche mit Pfand berechnet wurde oder es eine Tüte ist, in dem der Salat verpackt war. Typischerweise bestellen Kunden alle 1-2 Wochen und tauschen dann ihre Box von der letzten Bestellung mit der neuen Boxen durch. Wer bei der Lieferung zu Hause ist, kann die Box direkt leerräumen und unserem Fahrer wieder mitgeben. Mit unserer eigenentwickelten Pfand-App scannen wir dann die Box und die Pfandbehälter ein, der Betrag geht dann direkt als Guthaben ins Kundenkonto und kann bei der nächsten Bestellung eingelöst, gespendet oder auch jederzeit ausgezahlt werden. Die Kühlakkus bzw. Kissen sind ebenfalls wiederverwertbar, daher nehmen wir auch diese mit zurück. Wer einmal länger nicht bestellt, kann seine Box und / oder die Pfandartikel auch in unsere Abholstationen bringen (unser Lager bzw. die Partner-BUDNI-Filialen). Die Boxen werden so oft wie möglich wieder benutzt – natürlich achten wir bei der Wiederverwertung nicht nur auf den Zustand der Boxen, sondern vor Allem auch auf die Hygiene und Sauberkeit. Jede Box wird bei der Rückgabe gründlich überprüft, gesäubert und im Zweifel aussortiert.

Stevan: Ich finde ja vor allem Fleisch und Fisch ein komplexes Riesenthema für einen Versender. Worauf achtet ihr da besonders?

Eva: Fleisch und Fisch müssen natürlich besonders kühl (zwischen 0 und 4 Grad) bei unserem Kunden ankommen. Die besonders sensiblen Produkte verpacken wir noch einmal extra in einer Papiertüte mit weiteren Kühl Akkus. Wir haben extra Stress-Tests mit unserer Box und den Kühl Akkus bei extremen Außentemperaturen (über 30 Grad) durchgeführt, damit wir uns sicher sein können, dass unsere Kühlung ausreicht. Da wir an nur einem Tag die Ware bekommen, verpacken und ausliefern, vergehen maximal 6 Stunden, in denen unsere Produkte auf die Kühlfähigkeit unserer Mehrwegbox angewiesen sind.

Stevan: Mal konkret zum Fleisch, wo bezieht ihr das? Kennt Ihr Eure Bauern und Fleischer?

Jule: Wir beziehen unser Fleisch und unsere Wurstwaren natürlich am liebsten direkt vom Bauern. Das ist allerdings gar nicht so einfach, wie man sich das vorstellt. Denn ein kleiner Biohof wie zB der Hof Eggers schlachtet nur einmal im Monat wenige Schweine und Rinder. Damit wir unseren Kunden jede Woche frisches Fleisch anbieten können, arbeiten wir mit regionalen Fleischern und Schlachtern zusammen, die ihr Fleisch von mehreren kleinen Betriebe beziehen. Ganz konkret sind dies die Bioschlachterei Schröders aus Schwarzenbek, die Fleischerei Harms aus Eppendorf und die Schlachterei Fülscher aus Seestermühle. Direkt vom Hof beziehen wir Wurstwaren, wie z.B. vom Demeter Betrieb Arpshof und Dannwisch. Jeden unserer Produzenten, egal ob Bauernhof, Fleischer oder Bäcker kennen wir persönlich und fahren regelmäßig zu den Betrieben.

Stevan: Beim Fisch ist ja die Frische ein wesentlicher Aspekt? Wo bezieht ihr Euern Fisch und wie erreicht mich Euer Frischfisch?

Jule: Unseren Fisch beziehen wir von Alfred Urthel aus Friedrichskoog. Sein Bruder hat einen eigenen Krabbenkutter und Alfred kümmert sich um das familiengeführte Fischrestaurant und den Laden. Die frischen Nordsee Krabben werden direkt vor Ort gepult und der Fisch in der eigenen Räucherei weiterveredelt. Alfred schweißt den frischen Frisch täglich frisch für uns ein und wir sorgen genauso wie beim Fleisch auf eine besonders gute Kühlung während des Transports.

Stevan: Und wer bäckt Euer Brot?

Jule: Die Biobäckerei Springer aus Hamburg und die Demeterbäckerei Bahde aus Seevetal. Das sind echte Traditionsbäckereien, die nicht nur super leckere Brote backen, sondern vor allem auch ihr Mehl von Biohöfen aus der Region beziehen.

Stevan: Wer macht denn die Rezepte für Euren Online-Auftritt?

Jule: Viele der Rezepte kreieren wir selber. Jedes Teammitglied ist ab und zu dran und kreiert aus unserem saisonal wechselnden Sortiment Gerichte, welche wir dann als Rezept der Woche inkl. Rezeptbox aufnehmen. Oft kommen die Gerichte aus der Familie, sind norddeutsche Klassiker oder einfach nur das Lieblingsgericht von früher. Inzwischen reichen aber auch unsere Kunden ihre Lieblingsgerichte ein. Mit dem Hashtag #frischeküche posten sie Fotos von ihren Frischepost Gerichten auf Instagram oder Facebook, wir wählen einmal im Monat ein Gericht aus und dann wird es nachgekocht, fotografiert und eine dazugehörige Rezeptbox kreiert. Aber auch mit Hamburger Köchen und Bloggern arbeiten wir zusammen: Fabio Haebel, Thomas Sampl, Jasmin Tschechne vom Elbmadame Blog und Lea Taaks von Veggiekitchn – monatlich werden es immer mehr!

Stevan:Danke für die Einblicke und Eure Zeit!

Weiterführende Links:

Frischepost Homepage

Alle Gewinner des LECKER Liebling Awards 2017!

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