Von Dorfpunks, Gentlemen & James Bond – kleine Geschichte des Gin

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Als ich 1988 am Londoner Flughafen Gatwick wegen unerlaubtem Waffenbesitz festgenommen wurde trug ich, neben einer unvorteilhaft jugendbewegten Frisur, leider auch einen Tränengas-Spray mit mir herum und beeindruckte die Beamten des Sicherheits-Checks zudem mit einer imposanten Gin-Fahne. Mit einem Freund war ich nach London geflogen, zwei ängstliche Dorfpunks vom Lande, auf der Suche nach ihren musikalischen Wurzeln. Wir waren hoffnungslos zu spät für Punk, entdeckten aber Acid-Jazz und Gin. Nicht gerade very british, nippten wir in Unkenntnis die alkoholische Neuentdeckung aus der Schraubverschlusskappe der Flasche und wurden sehr schnell, sehr fröhlich. Das lag natürlich an den knackigen 47 % Vol. die den Getreidebrand mit feinen Noten von Wachholder und Koriander auszeichneten. Ein echter London Dry Gin eben, zweifach in kupfernen Brennkesseln hochdestilliert und einen brennende Erfahrung für ansonsten Bier trinkende Bübchen.

Gin ist nämlich eigentlich für echte Gentlemen gemacht und der klassische Grundstoff jeder gepflegten Bar wird niemals pur getrunken sondern findet sich in Cocktails wie dem Gin Tonic (Gin und Tonic Water im Mischverhältnis 1:3-1:6 auf Eis serviert) oder dem wohl berühmtesten Gin-Cocktail, dem Martini (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Vermouth der Firma „Martini&Rossi“). Für einen echten Dry Martini wird ein Teil Gin mit einem Teil trockenem Vermouth vermählt und eiskalt, mit einer grünen Olive im konischen Glas serviert. Durch Zugabe von süßem Vermouth, erhält man den Sweet Martini und der Perfect Martini besteht aus zwei Teilen Gin, einem Teil trockenen Vermouth und einem Teil süßem Vermouth. Grundsätzlich lässt sich aber über das perfekte Mischungsverhältnis vortrefflich streiten, Winston Churchill gab einmal zu Protokoll, der beste Martini sei eine Flasche guter Gin, die kurz neben einer Vermouth-Flasche stand. Andere Experten empfehlen, sich beim Eingießen des Gins eine Flasche Vermouth anzusehen und sich abschließend in Richtung Frankreich zu verbeugen.

Auch eher spaltender Natur ist die Frage ob den nun gerührt oder geschüttelt werden soll. Die beantwortete der Martini-Liebhaber James Bond in 19 von insgesamt 21 Filmen mit den Worten „shaken, not stirred.“ Nur einmal, im Film „Man lebt nur zweimal“ bekam Bond ungefragt einen gerührten Martini serviert. Ganz höflicher Gentlemen, trank er diesen ohne zu reklamieren. Der neue Bond, Daniel Craig beendete die Diskussion im Film „ Casino Royale“ mit den Worten: „Sehe ich aus wie jemand den das interessiert?“ Eines würde aber selbst Daniel Craig nicht trinken: den Gibson, einen Martini der mit einer Perlzwiebel anstelle der üblichen Olive serviert wird.

Es bleibt dem Gin-Genießer aber noch eine dritte, die vielleicht wichtigste Frage, bevor gerüttelt oder gerührt wird: welcher Gin darf es denn überhaupt sein? Zunächst mal ist Genever für Briten völlig unakzeptabel. Gin kam Ende des 17. Jahrhunderts in Form des niederländischen Genevers (Wachholder) nach England, wurde rasch umbenannt, zum britischen Nationalgetränk erklärt, Ursprung und Vorläufer kollektiv verdrängt. Auch der Französische Saffron Gin, ein zitroniger, mit Safran aromatisierter Gin, wird auf der Insel verachtet, ist aber Nichtbriten durchaus zu empfehlen. Der Engländer hält seinen Dry-Gin hoch, den feinwürzigen Finsbury oder Beefeater Crown Jewel, den milderen Gordon´s oder Bombay Sapphire, Letztere ein eher ruppiger Tropfen. Noch sehr jung sind die Golden Gin´s, die kurz im Fass lagern. Für Süßmäuler gibt es die lieblichen, mit Zuckersirup angereicherten Gin-Marken Old Tom Gin ( Basis für den echten Tom Collins Cocktail) und Plymouth Gin. Der König der Gin-Kultur ist zweifelsfrei der sehr trockene, runde und höchst aromatische Tanqueray der klassisch in einer grünen Flasche daher kommt, deren Design einem englischen Hydranten nachempfunden ist. Aus dem Hause Tanqueray kommt auch die No. Ten Abfüllung, der einzige Gin der Welt der aus frischen Kräutern gebrannt wird und im Mund ein hochintensives Aroma entwickelt.

Von diesem Reichtum wussten wir nichts, als wir im Sommer 88, kurz vor dem Rückflug, hinter einer Hecke im Hyde Park noch schnell unsere Restbestände austranken. Als ich dann am Flughafen einen Vertrag unterschrieben hatte, indem ich bestätigte, dem Staat Großbritannien meine „Waffe“ ohne murren zu überlassen und zudem im Verhör auf die Frage ob ich aus „East- or West-Germany?“ käme, wahrheitsgemäß mit „No, no, South-Germany!“ geantwortet hatte, entließ man uns lachend und straffrei in Richtung Heimat. Im Flugzeug bestellten wir auf den Schreck erstmal einen Gin Tonic. Der schmeckte erstaunlich besser als der pure Stoff.

Links zum Thema:

Gintime, schöne Barseite für Gin-Freunde:
http://www.gintime.com/

Ginvodka, informative Seite der Gin and Vodka Association of Great Britain (GVA):
http://www.ginvodka.org/

Spirits Review, listet ganze 81 Web-Links zum Thema Gin auf:
http://www.spiritsreview.com/links-gin.htm

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