Eine kleine Adventmusik

Zuerst gibt es immer unfassbar viel Kuchen, frisch-sahnige Fantaschnitten, Schwarzwälder Kirsch, Schokoladentorte, Apfel-Marzipan-Torte und einen saftigen Rüblikuchen. Teller mit Keksen und Schmalznüssen stehen herum, Schoko-Nikoläuse lungern zwischen Kaffegeschirr rum. Damit bis zum Abendessen (heiße Würstchen, Lotenswurst, Käseplatte) niemand der Überzuckerung erliegt, stehen in kurzen Abständen große Platten mit Toastschnitten bereit, Lachs-Meerrettich und Gurke. Vier Generationen drängen sich um die acht Meter lange Kaffeetafel, die Jugend trinkt Cola, die Oldies koffeinfreien Kaffee.

Dann wir gesungen, eine Initiative von Oma. Alle Jahre wieder druckt und verteilt sie am Nikolausabend Notenblätter und Texte, es sind traditionelle deutsche Weihnachtslieder, die Jugend rollt ein wenig mit den Augen. Das habe ich früher auch gemacht, seit ein paar Jahren höre ich die alten Lieder mit anderen Ohren, Lieder aus einer anderen Zeit. Ein bisschen rührselig bin ich geworden im Alter, ich habe die traditionellen Stücke schätze gelernt, sie verorten und sie bergen eine ganz eigene Feierlichkeit. Zuhause hören wir in der Vorweihnachtszeit die Amerikaner: Ella Fitzgerald, Nat King Cole, Count Basie, Frank Sinatra, Perry Como, Gene Autry, Fats Waller…das swingt wie Champagner und macht gute Laune, während mich Tonaufnahmen von mit Kinderchören oder Opernstars eingesungenen, deutschen Weihnachtsliedern sofort in tiefe Spontan-Depression stürzen. Aber selbst und gemeinsam gesungen-einfach schön!

Bewegung im Wohnzimmer, ein neuer Programmpunkt. Anton, acht Jahre alt, baut zur allgemeinen Überraschung und Freude einen Notenständer auf, klettert mit einer Gitarre auf einen Stuhl und verkündet: „also ich spiel das einmal durch, dann singt ihr mit!“ Wir nicken ergeben. Anton zupft Jingle Bells, dann noch mal und wir singen mit. Tosender Applaus! Bemerkenswert: ein Kerl mit Gitarre sieht immer wild und verwegen aus, auch wenn er erst acht Jahre alt ist. Später lobe ich Anton noch mal ganz persönlich fürs Spiel, er überhört professionell die Lobhudelei und eröffnet mir, dass es sein Plan sei „irgendwann die Beatles nachzuspielen.“Ich bin begeistert: „Anton, wenn Du das machst, komm ich extra zu Euch und zahl auch Eintritt.“ Anton winkt sehr erwachsen ab, es ist die Beiläufigkeit der Geste. Er schüttelt kurz den Kopf: „Musst Du nicht! Ich schreib Dir ´nen Gutschein.“

Instagram Feed Instagram Feed Instagram Feed Instagram Feed Instagram Feed Instagram Feed
Weitere Beiträge
Doin’ The Duc – von Japan nach Vietnam und zurück, ein panasiatisches Wochenende in Berlin