An der kleinen Seebrücke neben dem Kastell von Larnaka findet sich die Lichtinstallation „BE MY COMMON GROUND“ des lokalen Künstlers Sebastian Koukides. Auf der geteilten Insel Zypern lese ich sie als Ausdruck einer Sehnsucht nach einer gemeinsamen Basis für Verständigung, einem Ort der Begegnung der Völker und Kulturen für ein friedliches Zusammenleben.
Knotenpunkt der Geschichte
Zypern liegt zwischen Europa, Asien und Afrika, seit Jahrtausenden ein Ort des Handels und Austauschs, immer wieder auch eine umkämpfte Insel. Griechen und Phönizier, Römer und Byzantiner prägten ihre Geschichte, später kamen fränkische Herrscher, Venezianer, Osmanen und Briten.
Erst 1960 wurde Zypern unabhängig. Spannungen und Gewalt zwischen griechischen und türkischen Zyprioten belasteten die junge Republik. Seit 1974 ist die Insel faktisch geteilt: Im Süden liegt das von der international anerkannten Republik Zypern kontrollierte Gebiet, im Norden die nur von der Türkei anerkannte „Türkische Republik Nordzypern“.
In der Küche kommt Zypern zusammen
Bei Tisch findet man eine andere Landkarte. Die zyprische Küche ist über Jahrhunderte aus griechischen, türkischen und levantinischen Einflüssen gewachsen, mit eigenen Rezepten und Traditionen.
Vieles ist vertraut und schmeckt doch ganz eigen, zypriotisch. Beim Besuch unserer Freunde auf Zypern erlebten wir in vier Tagen die unterschiedlichsten kulinarischen Abende: von der Nachbarschaftstaverne bis zum Casual Fine Dining am Meer. Dazu auch Pita, Souflaki und Co – hier alle Adressen in Wort und Bild!
Ein Abend in der Nachbarschaftstaverne
In der traditionellen zypriotischen Taverne To Edesma tou Paradisou im Herzen von Larnaca feiern wir das Wiedersehen mit den Freunden am großen Tisch mit klassischen Meze, Bergen von Salat und Gegrilltem, darunter meine erste Sheftalia: eine mit Minze und anderen Kräutern gewürzte „Wurst“ aus Schweine- und Lammfleisch, die im Schweinenetz gebunden auf Spießen gegrillt wird.
Schneckenspieße in Olivenöl werden aufgetragen, gebackener Feta in Honig, dazu Berge von goldenen, dick geschnittenen Pommes, die großartig schmecken! Zum Nachtisch Glyko tou Koutaliou, „Löffelsüßigkeit“, in Zucker kandierte Früchte und Fruchtschalen, und ein göttliches Baklava mit nur grob gehackten Nüssen und Zimt. Dazu, es passt perfekt, Ouzo, Eiswürfel und Wasser, all night long! Ein beglückender Abend unter Freunden.
Zyperns Schmorküche – und was sie mit rheinischem Sauerbraten zu tun hat
Anderntags der kleine Deep Dive in die zypriotische Schmorküche. Bei Leuten, die sich damit auskennen: Seit 1984 findet sich das Militzis, ein traditionsreiches Familienrestaurant, an der Uferpromenade von Larnaka.
Im Mittelpunkt stehen zyprische Hausmannskost und die traditionellen Holzöfen, besonders bekannt ist das Haus für sein Lamm-Kleftiko. Das über Stunden im Ofen konfierte Lamm fiel zart und saftig-fettig vom Knochen, dazu Kartoffeln, die sich im würzigen Fleischsud vollgesogen hatten. Eine Götterspeise.
Grandios auch geschmorte rote Bohnen mit Dill (!) und Rindfleisch-Stifado mit Zwiebeln, schwarzem Pfeffer, Essig und Zimt. Ursprünglich kommt das Rezept aus der Haltbarmachungsküche, und die ist herrlich universell: Das Stifado erinnerte an rheinischen Sauerbraten und war doch ganz eigen, zypriotisch. Auch das „Salzfleisch“ mochte ich: Schweinefleisch, „gepökelt“ in Salz mit Wein und Koriander und später gebraten serviert. Für den „ganzen Lammkopf“ muss ich allerdings nochmal wiederkommen.
Ein Abend am Meer – Casual Fine Dining mit Schälchen-Sharing
Sharing-Konzepte finde ich allermeist schrecklich. Oft genug sind sie eine Gelegenheit, geringeren Wareneinsatz teurer zu verkaufen, und wenn sich vier Erwachsene drei Garnelen teilen sollen, ein Schälchen Suppe oder eine Locke Spaghetti, kippt die Stimmung endgültig.
Im großartigen Theta Mediterranean stimmt dagegen alles: zypriotisches Casual Fine Dining, jedes Schale eine Welt, pure Perfektion, raffinierte Würzungen und handwerklich so perfekt, dass selbst „Einfaches“ wie die frittierten Calamari zum Referenzstück gerät. Highlights u.a.: geräuchertes, blütenweißes Taramosalata mit Kapern und Süßkartoffelchips, Auberginensalat mit Rosinen, Krustentier-Orzo mit Garnelen, Skioufhita-Pasta mit Seafood-Ragout … wir waren zu sechst und konnten viele der wunderschön angerichteten und großzügigen Schalen probieren, so macht Sharing Freude!
Das gelingt dem vielfach ausgezeichneten Küchenchef Aleksandr Bekesevych und seinem jungen und engagierten Team, die hier neben tagesfrischen Fischen und Meeresfrüchten auch mit gereiften Fischen arbeiten. Der Blick von der Terrasse aufs Meer ist grandios, auch wenn wir so spät im Jahr nur noch den Mond über nachtschwarz funkelnden Wellen bewundern durften. Das Restaurant liegt etwas außerhalb von Larnaka direkt am Meer in Perovila, es lohnt die Anreise!
Nicht ohne Pita, Soufklai und Frappé! Drei Adressen.
Frappé
In Larnaca trank ich gleich am ersten Tag und bei sommerlichen Temperaturen meinen allerersten Frappé: einen kalten Kaffee aus Instantkaffee, der mit etwas Wasser und Zucker kräftig geschüttelt oder aufgeschäumt wird. Dann kommen Eiswürfel, kaltes Wasser und auf Wunsch Milch dazu. Typisch ist die dicke, stabile Schaumschicht.
Ich hätte nicht gedacht, dass ich mal Instantkaffee trinke, für diese Zubereitung funktioniert das geschmacklich sehr gut! Ich habe dann jeden Tag einen Frappé getrunken und schnell gelernt, dass man die Zuckermenge bei der Bestellung steuern kann: Frappé métrio, also mittelsüß, war’s für mich!
Souflaki
Solltest Du hungrig durch Larnaka stromern ist souflaki.gr eine sehr gute Idee. hier gibt es die unterschiedlichsten Spießchen vom Grill mit Fladenbrot und Salat, alles ist einzeln bestellbar und es dauert ca. 15 Minuten weil alles frisch gesteckt und gegrillt wird.
Wir probierten zartestes Schweinefleisch, würzige Lammhackspieße und saftige Sheftalia-Wurst. Dazu, es ist schon bald Nachmittag und außerdem Urlaub, passt tatsächlich mal wieder am besten Ouzo mit Wasser und Eiswürfeln.
Pita
Und dann, am letzten Tag, schon auf dem Sprung zum Flughafen, doch Mittags nochmal schnell in die Stadt auf die beste Pita von Larnaka. Die gibt es bei Psinesai, im Straßenverkauf mit wenigen Tischen. Man wählt zwischen verschiedenen Fleischsorten, dem eher dünnen zyprotischem Brot oder dem dickeren griechischem Fladenbrot, dann darf alles rein was beliebt, gesetzt sind aber die Pommes (mit Salz und Oregano gewürzt!), die mit eingearbeitet werden.
Es ist absolut fantastisch! Ich habe Schwein gewählt, hier is es neben Huhn DAS Fleisch der Insel und es schmeckt, im Mischungsverhältniss Fleich zu Fett von ca. 50/50, einfach irre gut und saftig.
Einkehrschwung in der Seafood-Taverne
Während eines Ausfluges ins Umland und nach Limassol stranden wir an einem späten Nachmittag hungrig in der Tryfonas Blue Zygi Fish Tavern. Es ist deutlich keine Essenszeit, wir sind die einzigen Gäste und dennoch werden wir herzlich empfangen und bewirtet.
Die Calamares, die dort serviert werden, sind künftig meine Refrenz zum Thema, zartsplitternd knsuprig, perfekt im zarten Biss. Geröstetes Brot mit Oregano-Öl wird mit Taramosalata und Tzatziki gereicht, ein üppiger griechischer Salat schmeckt dazu – nur die Krabbenkroketten dazu habe ich nicht verstanden, ein Fertigprodukt, dass ich an dieser Stelle nicht erwartet hatte. Die Pommes aus zypriotischen Kartoffeln sind hier, wie auch sonst überall, ein Kracher: echter Kartoffelgeschmack, aussen leicht kross, innen cremig.
Meze und Musik: Die Nacht der tausend Tellerchen
Darauf war ich nicht vorbereitet. Ich kann, wenn es sein muss, auch sehr viel essen, ich mache das ja auch beruflich. Dann kam diese kleine Familien-Taverne Kira Giorgena, mitten in einem Wohngebiet in Larnaka. Freitagabend, „Mezze und Live-Music“. Rappelvoll der Laden, wir sind wahrscheinlich die einzigen Touristen. Wie alle wählen wir„Mezze“, bestellen dazu Ouzo, Wasser, Wein und Bier.
Auf der kleinen Bühne legen eine Sängerin, ein Keyboarder und ein Sänger mit Bouzouki so gefühlvoll wie lautstark los. Unterhalten unmöglich, das macht aber nichts, denn die kommenden Stunden sind wir mit Essen und Staunen beschäftigt. In Wellen erreicht uns ein schier endloser Strom an Tellern und Platten: Essiggemüse, auf Salz gegarte Eier, Lammschinken, Käse, Salat. Schön, denke ich, dann geht es los. Verschiedene Dips mit zweierlei Brot, gekochte Schnecken, Muscheln und Garnelen aus dem Essigsud kommen dazu.
Mittlerweile wird getanzt, Riesenstimmung, scharfe Würste werden aufgetragen, Leber-Stifado, warmer Schinken in Rotwein.
Das ist hier kein kulinarischer Donnerschlag, das ist echt einfache, dabei großzügigst servierte Produktküche. Hier geht es um Familie, um Kultur, um Tradition, um gemeinschaftsstiftende Geselligkeit. Mindestens vier Generationen singen die alten und neuen Lieder mit, Kellner drängeln mit neuen Tabletts an die Tische: gegrilltes Lammfleisch mit viel Koriandersaat, knuspriges Hühnchen, Souvlaki vom Schwein mit Zwiebeln und Pommes. Es ist der Moment, an dem ich kapituliere.
Auf der Bühne werden Großpackungen Papierservietten aufgerissen und über die Tanzenden verteilt, unsere Frauen tanzen mittlerweile auch, wir bestellen Ouzo nach. Noch mehr Papierservietten-Konfetti, es geht auf Mitternacht zu. Süße Loukoumades werden aufgetragen, Obstplatten, kandierte Früchte. Ein neues Lied erklingt, herzenswarm und fröhlich. Wir haben große Sterne-Menüs vergessen, an diesen Abend werden wir uns immer erinnern.
Die vier Tage in Larnaka Zypern, haben uns wieder einmal daran erinnert, dass es das Essen ist, die gute Küche und der gastfreundliche Tisch, der die Menschen zusammenbringt.
Eine große, genussvolle Kraft.
















