Europe Round Trip (1): Nordsee · Niederlande · Belgien · Normandie

Die Umrundung Europas an seinen Meeresgrenzen. Ein kulinarisches Reisetagebuch.

Beatles oder Stones? Dessert oder Käseplatte? Berge oder Meer? Manchmal muss man sich bei den großen Fragen des Lebens entscheiden. Meine Kirche ist das Meer. Ich bin immer schon am liebsten am Meer, und so kam uns die Idee Europa entlang der Meere (grob 13), den Häfen und Strände an seinen Küstengrenzen zu umrunden. Losfahren mit dem VW-Bus, mit dem Zelt und etwas Geld für Hotels ab und an, nichts reservieren, wie Anthony Bourdain! Enfach fahren, entdecken, sich treiben lassen. Eine tolle Idee für den Renteneinstieg …

… also haben wir daraus ein Urlaubsprojekt gemacht. Stand heute waren wir insgesamt schon drei Jahre unterwegs, immer zwei Wochen lang, in der Urlaubs-Vor- oder Nachsaison.

Schnell stellte sich raus: die Idee ist eine Wucht. Man erlebt irre viel. Man erholt sich trotzdem aktiv. Und ich habe nie darüber geschrieben.

Das soll sich jetzt ändern: zunächst mit einer kleinen Auftakt-Serie zu den ersten drei Reisen, vollgepackt mit Bildern, Erinnerungen, spannenden Orten und Genussadressen, die ich euch empfehlen möchte. Künftig geht es hier immer dann weiter, wenn wir wieder weitergefahren sind.

Zu den ersten Etappen sind wir im September 2022 aufgebrochen. Wir haben einen ebenso geraden wie imaginären Strich von Hamburg zur Küste gezogen, um unseren nächstgelegenen Startpunkt zu ermitteln – und landeten in:

16.09. Greetsiel, Ostfriesland

Hotel & Restaurant Hohes Haus

In abendlicher Dunkelheit erreichen wir das Fischerdörfchen an der ostfriesischen Nordseeküste, dass seine pittoreske Schönheit erst anderntags offenbart, mit Windmühle, traditioneller Kutterflotte, historischen Giebel-Häusern und Gässchen.

Wir kehren im 300 Jahre alten Hotel & Restaurant Hohes Haus ein, die Zimmer sind blitzsauber und zweckmäßig und im alten Gastraum erfreut ein kaltes Bier zu einem Teller mit Krabben, hauseingelegter Brathering süß-sauer und einem Labskaus wie es sein soll!

Hotel Restaurant Hohes Haus

17.09. Emden und Leeuwarden, Niederlande

Kunsthalle Emden, Post-Plaza Hotel, Restaurant De Tuutu van Sneek

Nach einem überdurchschnittlich guten Hotel-Frühstück und einem langen Spaziergang durch Greetsiel (ich eskalierte beim Fotografieren) fahren wir anderntags weiter Richtung Niederlande. Auf unserem Weg liegen Emden und die dortige Kunsthalle.

Hier greift eine unserer locker gesetzten Reiseregeln: Weil es Urlaub ist, fahren wir pro Tag höchstens etwa drei Stunden. Wir kommen langsam voran – doch bei diesem „Projekt“ ist der Weg ganz bewusst das Ziel.

So führt er uns am Vormittag über Emden und in die Kunsthalle. Dort besuchen wir eine temporäre multimediale Ausstellung zum Thema Wald sowie eine Ausstellung zur Provenienzforschung, die sich der detektivischen Rückverfolgung von durch die Nationalsozialisten gestohlener und beschlagnahmter Raubkunst widmet.

Kunsthalle Emden

Es ist Mitte September und wir merken auch mit Blick auf Barometer und Wetterkarte: Das wird eventuell nichts mit dem Campen.

Das Post-Plaza Hotel hält noch ein schönes Zimmer für uns bereit. Die zur Hotelarchitektur umgestaltete ehemalige Postbehörde von Leeuwarden beeindruckt mit großzügigen Räumen und viel Atmosphäre.

Man kann hier einfach in der Lobby sitzen, im Atrium, mit kühlem Drink oder heißem Kaffee – und die Welt verschwindet auf angenehmste Weise.

Post-Plaza Hotel

Zeit für die Abendplanung, doch die Suche nach einem netten, ansprechenden Restaurant gestaltet sich online (wie ich finde: immer) eher schwierig. Ein Glück, Einheimische zu kennen. Ich schreibe meiner Kollegin Inga aus dem Food Editors Club, die in Amsterdam lebt und die Niederlande gut kennt – und sie antwortet sofort:

Im Restaurant De Tuut van Sneek erleben wir einen herzlichen Abend der Extraklasse. Gemütlich, entspannt, mit superfreundlichem Service serviert das Team um die damalige Chefköchin Vera de Lang mediterrane Klassiker mit niederländischem Twist.

Grandios das Vitello tonnato als Carpaccio mit konfierten Tomaten und gerösteten Ackerbohnen. Handwerklich perfekt und eine fleischige Freude: das Tatar mit perfekt gebackenem Wachtelei und Brioche-Toast. Der Zander mit feinem Krautsalat, Ingwerschaum, Beten und frischen Muscheln – ein Gedicht. Das Restaurant ist inzwischen leider dauerhaft geschlossen. Erwähnt sei dieser Abend dennoch: Er war außergewöhnlich und gehört zur Erzählung.

18.- 21. 09. Harlingen Hafen und Bergen (aan zee), Egmond aan Zee, nordholländisches Dünenreservat, Niederlande

Boutique Hotel Villa Kranenbergh, Strandpaviljoen Noord

Auch heute lassen wir uns wieder Zeit, das ist gut so, sonst hätten wir den Hafen von Harlingen verpasst.

Segelschiffe, gefühlt aus allen Zeiten, sind hier zu bestaunen, maritime Bauten Kaufmannshäuser aus der Zeit der Patrizier, eine trubelige Innenstadt. Grachten, Piers und Promenaden – unweit des Weltkulturerbe Wattenmeer, wenn Euch nach Natur ist!

www.harlingenwelkomaanzee.nl/de

Auf der Weiterfahrt merken wir es deutlich: Wir sind definitiv spät dran mit dieser Tour. Der nordische Herbst kommt mit Macht – durch Regen und Sturm und beinahe minütliche Wetterwechsel queren wir die Küsten des IJsselmeers. Nachmittags erreichen wir mit Bergen und Bergen an Zee ein erstes persönliches Highlight der Reise, herrjeh ist das schön hier!

Und hier greift dankenswerterweise direkt eine weitere, locker selbst auferlegte Roundtrip-Reise-Regel: wir bleiben, wo es sich anbietet, immer wieder auch für 2-3 Tage, ist ja Urlaub.

Und unsere Unterkunft könnte schöner nicht sein. Das Boutique Hotel Villa Kranenbergh ist ein Hideway der Sonderklasse, wir fühlen und sofort wohl und willkommen durch die Gastgebenden.

Am Kamin gibt es zum Kaffee einen kleinen Einführung ins Haus und die Region, einen Gag durch die benutzbare Küche, den kleinen Garten und den Frühstücksraum. Unser hübsches kleines Zimmer unter dem Dach ist super-gemütlich, doch wir wollen los – ans Wasser!

Boutique Hotel Villa Kranenbergh

Ausgehungert erreichen wir das bunt-lässige Strandpaviljoen Noord am rauen Meer – und werden mit einer Überraschung belohnt:

Auf der Karte ein Burger mit knuspriger Whole Crab, serviert mit scharfer Sriracha-Mayonnaise. Super auch der Grilled Cheese Sandwich mit Käse und Schinken aus lokaler Produktion. Und noch ein Bier bitte, ist doch egal, lass regnen!

Strandpaviljoennoord

19.09. Anderntags zeigt sich auch die Sonne ab und an, wir erkunden Bergen, wandern durch Kiefernwälder und die Dünenlandschaften, gehen die schmalen Wege zwischen den Reetgedeckten Strandhäusern zum Meer, essen Pommes mit allem.

Am Nachmittag fahren wir ins nahe Egmond aan Zee. Wind und Wetter im Gesicht atmen wir tief ein und sind berührt von der wilden Natur und dem Schauspiel der Wolken.

Hungrig kehren wir abends im modern gestalteten Strandrestaurant Nautilus aan Zee ein. Der Salat aus Wassermelone kommt hier überraschend und ungewöhnlich daher: Die leicht dehydrierte Melone ist mit Soja-Dashi gewürzt, klasse. Ein Berg frischer Muscheln macht Spaß, und die Paella aus Garnelen, Muscheln und Hähnchenschlegeln ist eine rustikal-herzerwärmende Schlemmerei.

Nautilus aan Zee

20.09. Heute erwandern wir uns das nordholländische Dünenreservat nahe Bergen und es fällt mir der Begriff Waldbaden ein, wir tauchen ein in die Schönheit der Natur.

So eine Wanderung macht hungrig, und als wir am Nachmittag wieder zurück in Bergen sind, ist uns nach Kuchen und Wein. All das – und noch viel mehr – gibt es im entzückenden Lädchen La vie locale (das damals gerade eröffnet hatte).

Bei Wein und französischem Gebäck überrascht uns die Betreiberin des gut sortierten (Naturals-)Wein- und Delikatessenlädchens mit einer grandiosen niederländischen Salami: viel Umami, vollmundig, sie zergeht auf der Zunge. Das Geheimnis: Miso und Seegras. Ein grandioses Wurstkunststück vom lokalen Schwein, gemacht von @cordemeijer.nl.

La Vie Locale

21.-23.09. Haarlem, Middelburg und Domburg, Niederlande

City Hotel Wood, Restaurant Vert, Beachclub Oaxaca, Restaurant Hof aan Zee

Wieder ein kurzer Reisetag, der uns zunächst ins hübsche Städtchen Haarlem führt.

Am Grote Markt besuchen wir das Kaashuis Tromp (by Zuivelhoeve), eine niederländische Ladenkette mit erstaunlich guter Auswahl an gereiften niederländischen und europäischen Käsespezialitäten. Dazu gibt es Wein, frisches Brot sowie Manufaktur-Wurstwaren von Cordemeijer und Brandt & Levie.

Kaashusi Tromp

Das City Hotel Wood an unserem heutigen Ziel Middelburg, der Hauptstadt von Zeeland, entpuppt sich als Glücksfall – nicht nur wegen der fußläufigen Lage zur Innenstadt und direkt an einer Gracht.

Das grüne Hotel im urbanen Design, mit vielen Pflanzen und einer gelungenen Mischung aus Industrial- und Vintage-Möbeln, arbeitet nachhaltig. Im hauseigenen Restaurant werden alle Mahlzeiten bis hin zum Frühstück angeboten, inklusive glutenfreier und veganer Optionen.

City Hotel Wood

Beim ersten Gang durchs historische Städtchen entdecken wir jedoch ein junges Restaurant, das sich als eines der kulinarischen Highlights der Reise herausstellen wird. Obwohl es zu diesem Zeitpunkt erst drei Monate geöffnet ist, haben wir an diesem Mittwochabend Glück und bekommen als Walk-in gerade noch die beiden letzten Plätze im Restaurant Vert.

Perfekt die Wan Tans aus rohem Kohlrabi mit Joghurt und Fenchel in einem würzigen Rote-Bete-Sud mit Liebstöckel-Öl. Die Zeeland-Muscheln mit gepickeltem (!) Fenchel und Sauce verte, üppig getoppt mit frischen Kräutern – ein Gedicht.

Das slow-roasted Nackensteak mit Romesco-Sauce und geschmorten Paprika auf den Punkt, begleitet von einem Radicchio-Chicorée-Salat mit samtiger Quitte und Buttermilchschaum: herausragend. Dazu eine Flasche Koreaa vom Weingut Judith Beck  aus Gols im Burgenland, einer meiner Lieblingsweine im Natural-Bereich. Bäm!

Restaurant Vert

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22.09. Im Hotel kann man E-Bikes leihen, für uns eine Premiere. Bislang lehnte ich E-Bikes immer als Rentner-Radel ab. Schnell merke ich: Hui! Man kommt schneller voran, kann dadurch mehr vom schönen Zeeland erradeln, und ein bisschen anstrengend ist es irgendwann trotzdem.

Ich mache es kurz: Noch heute schwärmen wir von dieser wunderschönen Fahrt am Meer und durchs grüne Zeeland.

Einkehr in Domburg. Direkt am Meer liegt der hübsche Beachclub Oaxaca. Wir genießen hier saftige Kroketjes und eine Dose edler Sardinen mit Fladenbrot. Heiter weiter!

Beachclub Oaxaca

Und abends dann schon wieder eine kulinarische Entdeckung der Sonderklasse in den Niederlanden: Das Restaurant Hof aan Zee am Strandweg in Koudekerke ist eine Reise wert.

Der Name ist Programm: Hinter dem Deich das Meer, vor dem Haus der eigene Garten. Drinnen gibt’s regionale Nordic Cuisine, skandinavisches Design und ein junges Team großartiger Gastgeber*innen. Es gibt auch ein vegetarisches Menü sowie eine hervorragende Weinbegleitung und alkoholfreie Flights.

Unser Menü in Stichworten:

– Aquavit Tonic, Dill, Gurke
– Tomatenessenz, Estragon-Öl
– Frittiertes Brot, Bärlauch-Mayonnaise
– Muscheln, Muschelcreme, Meersalat, zweierlei Kartoffeln im Muschelsud
– Nordsee-Hummer, Meerrettichsauce, Birne, Schnittlauch-Öl

– Sauerteigbrot, fermentierte Butter
– Blumenkohlcreme, Pulled Fliegenpilz, Sonnenblumenkerne, gebeiztes Eigelb, Blumenkohlröschen
– Am Tisch in Wacholderbutter gebratenes Herz vom Hirsch, Schwarzwurzeln
– Hirschfilet, Hirschblutwurst, Pfifferlinge, Queller, Schalotten-Püree, Wild-Consommé
– Birken-Rahmeis im Apfelleder, dehydrierte Äpfel, Selleriecreme, Kerbel, Zitronenverbene

Hof aan Zee

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Unvergesslich! Und zusammen mit dem Restaurant Vert empfiehlt sich diese Ecke Zeelands eindrücklich als lohnende Destination für Foodies und Feinschmeckende.

24.–26.09. Brügge und Ostende, Belgien

Hotel Monsieur Maurice, Bar Ran

Alles, was sich die Menschen über Brügge erzählen, stimmt. Es ist ein pittoreskes, wunderschönes Städtchen mit Geschichte und Geschichten an jeder Ecke. Wir checken im Monsieur Maurice ein und wandern dann mehrere Tage durch Brügge, mit kleinen Unterbrechungen zum Snacken und Trinken.

Monsieur Maurice

Merken: Pommes sind hier Nationalstolz – und sicher überall sehr gut. Wir feierten diesen Umstand im mittlerweile leider geschlossenen Pommes-Restaurant Chez Vincent. Kulinarisch erleben wir in Brügge allerdings den Durchhänger dieser Reise. Das liegt sicher an uns:

Manchmal rächt sich dieses lockere „No-Reservations“-Konzept, und ich habe mich zu wenig vorbereitet, um à la minute im hier durchaus eher touristischen Restaurantangebot die Perlen zu finden. Merken: Vorab gut informieren und eben doch reservieren – in besonders tourstischen Städten und Orten.

So bleibt es bei ein paar tadellosen Meeresfrüchten in einem aufgeräumt-nüchternen Fischrestaurant.

Für sehr gute Laune sorgt dann die Bar Ran: eher zufällig und schon auf dem Rückweg ins Hotel stolpern wir an der jungen Bar vorbei.

Knallevoll – den ersten Drink gibt es deshalb draußen, und der ist so gut, dass wir wenig später dem freundlichen Wink ins Warme folgen und drinnen, ich mache es kurz, noch ein paar Flights genießen. Super Bar! Lässig und fröhlich, handwerklich exzellent!

Bar Ran

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25.09. Wir machen einen Ausflug nach Ostende. Das müsst Ihr gesehen haben. Hochhausberge. Lückenlos in Reihe entlang des Strandes. Eine frühe Idee der belgischen Politik: In einem kleinen Land wie diesem, mit so wenigen Strandkilometern, sollte doch jeder Bürger die Möglichkeit haben, im Urlaub ein Zimmer mit Meerblick zu buchen.

Das hat durchaus seinen ganz eigenen Seebad-Charme. Um die Ecke, auf dem landeinwärts zum Hafen zeigenden Boulevard, kochen Fischerinnen an ihren Buden frische Muscheln und Schnecken im duftenden Sud – und ich habe leider kein Foto davon gemacht. Seufz.

Am Nachmittag noch einmal Brügge-Wandertag bei prächtigstem Herbstwetter und Einkehrschwung in die Brouwerij De Halve Maan. Im Innenhof tobt das gesellige Leben und mein Lieblingsbier war, nach eingehender Prüfung des Angebotes, der Straffe Hendrik!

https://www.halvemaan.be/nl

Abends landen wir eher zufällig im Bistro Brugis – und das ist völlig in Ordnung. Erwähnenswert ist das süß-sauer geschmorte Ochsenbacken-Cassoulet. Wir beginnen, ein wenig von Frankreich zu träumen …

https://www.bistrobrugis.be/

26.- 29. 09. Varengville-sur-mer, Saint-Aubin-sur-mer, Saint-Valery-en-Caux und Dieppe,
Frankreich

Ein paar Worte zur No-Reservations-Policy und ihren Ausnahmen: Wir reservieren immer das erste Hotel der Reise, danach buchen wir auf eigenes Risiko alles von unterwegs und von Etappe zu Etappe. Wo man landet, ist für uns immer auch eine Überraschungs-Übung in entspannter Offenheit 🙂. Selten jedoch haben wir bei den bisherigen drei Reisen einen Reinfall erlebt – auch, weil wir immer versuchen, in der Vor- und Nachsaison zu reisen.

Das Hôtel de la Terrasse gehört zu den raren Ausnahmen – jenen Hotels oder Campingplätzen, die wir auf unserer Reise zwingend und unbedingt besuchen wollen. Es war eine Empfehlung unserer Freundin Anabel, und wir preisen sie bis heute für dieses Schmuckstück am Ende der Straße unserer ersten Europe-Roundtrip-Etappe. Über knarrende Stiegen geht es für uns hinauf und unters Dach: ein gemütliches Nest mit Weitblick.

Abends kann man im hauseigenen Restaurant einfach, aber gut essen. Und die Meeresfrüchte sind hier im Norden der Normandie ohnehin von einer Qualität, die keinerlei Sperenzchen braucht.

Auch fleischliche Gelüste werden erfüllt, mit Entenleber-Paté, Rumpsteak avec garniture oder einem Kalbsragout „Blanquette de veau“ – mit rohen (!) Apfelstäbchen Batonette.

Das Restaurant mit verglaster Meerblick-Veranda wird auch von den Einheimischen geschätzt und frequentiert, im Saal ist die Stimmung darum auch lebendig, keine Spur von Halbpensions-Tristesse!

Hôtel de la Terrasse

Über den nahen Waldweg und dann einen steilen Pfad hinunter, gelangt man direkt ans Meer und zu jenem Punkt, an dem Sprache das Erleben nur noch unzureichend vermitteln kann. Bitte sehr:

Claude Monet malte hier gleich einige Bilder, ich verstehe ihn. Bis heute denke ich mich in unangenehmen Situationen (z. B. im Zahnarztstuhl) an diesen Strand zurück.

27.09. Ausflugstag entlang der Küste zum historischen Badeort Saint-Aubin-sur-mer und dem Hafen Städtchen Saint-Valery-en-Caux.

Der Herbst kommt mit Macht und vom Meer her und will sich im Tageslauf nicht entscheiden, blauer Himmel und drohende Wolkenbänke wechseln sich fliegend ab. Ganze Arbeit leistete die Flut bereits in Saint-Valery-en-Caux, der Hafen des Städtchens ist teilweise bis in die Stadt hinein überschwemmt.

28.09. In Dieppe begegnen uns erstmals auf dieser Reise die sichtbaren Spuren des Zweiten Weltkriegs. Zahlreiche Gedenk-Orte erinnern hier vor allem an kanadischen Soldaten und deren gescheiterte Operation Jubilee vom 19. August 1942, bei der Tausende alliierte Soldaten fielen oder in Gefangenschaft gerieten. Erst zwei Jahre später, nach der Landung der Alliierten in der Normandie, kehrte das II. Kanadische Korps zurück und befreite Dieppe am 1. September 1944.

Wir gehen zur Hafenmündung und von dort die breite, ufergesäumte Wasserstraße entlang, die landeinwärts in den Hafen des Ortes führt und den Soldaten von 1942 zum Hinterhalt wurde.

Die Jakobsmuschel-Hauptstadt Dieppe selbst ist heute ein malerisches, freundliches und sehr lebendiges Hafen-Städtchen mit vielen (kulinarischen) Einkaufsmöglichkeiten. Wir decken uns mit Mitbringseln und Vorräten ein.

Wir reisen gerne mit Kühlbox und bitten in den Läden um vakuumierten Produkte. In der Nacht vor der Abreise lassen wir im Hotel unsere Kühlelemente einfrieren – alternativ besorgen wir sie im Supermarkt oder an der Tankstelle.

Mittags kehren wir im Café des Tribunaux ein, einem Bistro wie aus dem Bilderbuch. Die Karte ist klassisch, und natürlich bestelle ich Andouillette – eine Wurst aus Schweinedarm und Magen, markant im Geruch, im Geschmack deutlich feiner. Nachhaltig, eigenwillig und, wenn man sie mag, eine Delikatesse, die sich nicht gleich aufdrängt.

Serviert mit körniger Senfsauce und Pommes, verrät schon der Anschnitt: Hier war ein Meister-Charcutier am Werk. Elegant, null animalisch – und das große Vergnügen an einer Andouillette ist ja auch die Konsistenz, der Biss.

Café des Tribunaux

30.09. Düsseldorf

Hotel Max Brown und Yoshi by Nagaya

Zwischenstopp: Ein „Problem“ unserer Küstenumrundung sind die jährlich größer werdenden Distanzen von und nach Hamburg – und zu den Orten, an denen wir im kommenden Jahr wieder in die Tour einsteigen wollen. Darum machen wir diesmal und erstmals auch die Rückfahrt selbst zur Verlängerung und legen noch einen lohnenden Übernachtungsstop ein.

Wir haben uns Düsseldorf ausgesucht, uns im Max Brown eingebucht und für den Abend im Yoshi by Nagaya einen Tisch reserviert. Seit meiner Ausbildung zum Koch begleitet mich die konzentrierte, klare und energiegeladene Küche Japans, die mich bis heute inspiriert und begeistert.

Der Besuch im Restaurant von Yoshizumi Nagaya war dazu ein solches Erlebnis, dass ich irgendwann beschloss, die Kamera beiseitezulegen und diesen besonderen Abend ganz bewusst zu genießen. Nur so viel: Es dürfte schwer sein, in Deutschland irgendwo sonst japanische Küche von dieser Präzision, Eleganz und Modernität zu finden.

Ein großartiger Abend – und ein wundervolles Ende unserer ersten Tour. Anderntags heim nach Hamburg!

Yoshi by Nagaya

Weiterlesen und mitreisen!

Hier geht es zur zweiten Etappe unserer Reise:

Europe Round Trip (2): Yport · Trouville · Omaha Beach · Saint Malo · Concale · Le Mont-Saint Michel · Dinard