Copa Jerez – was ich bei der Foodpairing-Weltmeisterschaft gelernt habe + 10 gute Gründe warum Sherry in Glas und Küche der ultimative Geheimtipp ist.

Nicht nur für Anfänger - alles über Sherry: im Glas und in der Küche

Vor über zehn Jahren besuchte ich erstmals Jerez de la Frontera und das Sherryland zwischen Sanlúcar de Barrameda und El Puerto de Santa María. Während eines Tapas-Menüs verliebte ich mich in die vielfältigen Sherry – Naturschönheiten die dort unter einem Naturhefe-Flor, im Fass und dem Solera- und Criadera-System, zu brillanten, klaren und kühlen Aromenwundern reifen.

Auch als gelernter Koch begriff ich schnell die Einzigartigkeit der Weine, solo als frischer Aperitif, wie auch als spannende Begleitung zu Speisen, als Aromen-Werzeug in der Küche. Seitdem schreibe ich mit Leidenschaft über Sherry. Langjährige NutriCulinary-LeserInnen wissen es und auch in meinem zahlreichen Kochbücher taucht Sherry immer wieder in seinen verschiedenen Rollen auf.

Die Service-Teams – HeldInne des Wettbewerbs, in einem coreographierten Strom von hunderten Sherry-Gläsern, die beständig gefüllt, getauscht, gereinigt und poliert werden mussten.

In diesem Jahr durfte ich dann erstmals dabei sein, beim Copa Jerez, den Weltmeisterschaften im Sherry-Pairing. Als einer von nur zwei Journalisten hatte ich die Ehre und Freude, das Deutsche Team nach Andalusien begleiten zu dürfen.

v.l.n.r.: Dacosta, Roca, Pizzaro

Ich durfte die Teams aller acht teilnehmenden Länder kennen lernen und große Chefs wie Quique Dacosta, José Pizarro aus New York und Josep Roca vom El Celler de Can Roca.

Auf der internationalen Bühne, mit Talks und Vorträgen, bei den Besuchen  der Bodegas, beim harten, mehrstündigen Wettbewerb und den umfangreiche Verkostungen im ehrwürdigen Villamar Theater in Jerez erkannte ich vor allem: Deutschland hinkt mit seinen Vorurteilen und dem Umgang mit Sherry um Jahrzehnte hinterher.

Darum gibst heute hier nicht einfach einen Reisebericht – sondern eine Anstiftung zum Sherry-Genuss. Eine Einladung Sherry ganz konkret und barrierefrei zu entdecken.

Folgt mir also zu den Sherry-Paring Weltmeisterschaften in Jerez und lernt 10 gute Gründe kennen, warum Sherry in Glas und Küche der ultimative Geheimtipp ist!

Viel Freude!

1. Sherry - so einfach geht Feiern!

Kompliziert (und zeitaufwendig) ist nur die Herstellung von Sherry aus der Palomino Fino Traube, die Vielfalt entsteht in den offenen „Kellern“ der Bodegas (die überirdischen „Keller“ und die Weingüter selbst heißen Bodega) und im Criadera- und Solera-System, das wird auf der wissenstiefen Seite von sherry.wine/de ausführlich erklärt.

Wir wenden uns direkt dem Genuss und den kulinarischen Möglichkeiten zu. Starten wir mit einem einfachen Fino-Sherry oder einem Manzanilla-Sherry, trockene, weiße Weine, die gekühlt serviert wird, gerne Kühlschrank-kalt, ideal sind 6-8 Grad. Nehmt ein Weißweinglas, das hat der Wein verdient!

Aus der kühlen Frische steigen Noten von Mandeln, Weißbrot und Kräutern empor, im Mund entfalten sich diese Weine stimulierend frisch und trocken.

So, jetzt braucht es nur noch die Dreifaltigkeit der Sherryliebe: Salzmandeln, grüne Oliven und ein paar Würfel Schafskäse. Oder ein paar Scheiben Iberico-Schinken – genial auch eingelegte Boquerones en vinagre!

Die gibt’s im Fischregal des Supermarktes, einfach abspülen und trocken tupfen. Aus gutem Olivenöl mit einem Hauch Salz, etwas Knoblauch und fein abgeriebener Zitronenschale, sowie frisch geschnittener (nicht hacken) Petersilie ein Würzöl anrühren, drüber und sehr gut ist!

Eine so überraschende (wie berührende) Mittagspause während des Forum-Tages des Copa Jerze:  im Tabanco El Pasaje – Jerez älteste Sherry-Bar (seit 1925 geöffnet) serviert man mittags und abends zur großen Sherry-Auswahl einfach  lokale Schinken und Wurstspezialitäten von bester Qualität, dazu regionale Tapas, Flamenco-Gruppen treten auf.

Wichtig: Flasche auf und mit lieben Menschen teilen. Sherry altert super, einmal geöffnet, will er dann aber einfach bis zur Neige genossen werden. In schöner Runde ist das eine Freude. Dazu muss man nicht mal kochen können und doch ist dieser Aperitif, die gesellige Sherry-Tafel ein echtes Fest.

2. Der Vielfältige

Fino, Manzanilla und Pale Cream

Fino und Manzanilla können nicht nur Apero, genial auch zu Garnelen und Muscheln, zu Sushi und Sashimi. Zu Räucherfisch und gebeiztem Fisch, kalten Speisen und Salaten einfach klasse! Der klare, frische Pale Cream begeistert an dieser Stelle mit etwas mehr Süße.

Amontillado

Der appetitlich bernsteinfarbene Amontillado ist von würziger frische, trocken, dabei gut ausbalanciert, mit anregender, gut eingebundener Säure und dem Aroma von Kräutern, Nüssen, Trockenfrüchten. 12-14 Grad sind ideal. Fantastisch zu Meeresfrüchten, zur Ente überhaupt zu geröstetem Geflügel! Einer der wenigen Weine, der mit Artischocken funktioniert, dem Angstgegner vieler Sommeliers.

Oloroso und Palo Cortado

Bernstein- bis mahagonifarben sind diese Weine, solo wunderbare Meditations-Weine zu Nüssen und Oliven oder Käse (Camembert, Blauschimmel). Lange gereift und doch von einer erstaunlichen Frische, mit Zitrus und Orangennoten. 12-14 Grad sind ideal. Hier funktionieren jetzt auch Braten- und Schmorgerichte, Kohl und Rüben. Spannend auch mit Christstollen, Geflügelleber und zu Wild. Probiert den mal zu einem cremigen Gemüse-Curry!

Cream und Pedro Ximenes

Dunkel und halbtrocken kommt der Cream ins Glas, dickflüssig beinahe schon, halbtrocken und bei 10-12 Grad. Der schmeckt „on the rocks“ (und evtl. mit Orangenscheibe) zu Christstollen, Lebkuchen überhaupt Gebäck und Früchte. Ich mag ihn auch zu Geflügelleber und Patê, zu gereiften Käsen ist das ein Traum! Nochmal: dazu muss man nicht mal kochen können.

Der wahrscheinlich süßseste Wein der Welt, wird aus sonnengetrockneten Trauben gewonnen. Pedro Ximénez ist mitunter tiefschwarz und dickflüssig mit einem betörenden Aroma von getrockneten und kandierten Früchten, Schokolade, Honig und Lakritze. Und immer noch diese stimulierende feine Säure hinten raus.

Serviert mit 12-14 Grad perfekt zu Desserts, die selbst sich nicht zu süß sind. Bißchen was davon in Gebäck oder das nächste Schokomousse!

3. Große Weine schon für kleines Geld

Eine richtig gute Nachricht vorweg: die großen, klingenden Namen, die man gut auch im Supermarkt bekommt, wie Tio Pepe, Osborne, Barbadillo und Sandeman sind allesamt von guter Qualität und perfekt für den Einstieg ins Thema. (Leider viel zu oft und auch einfach falsch unter Spirituosen wegsortiert.)

Ab ca. 7 Euro bekommt man da schon viel Wein fürs Geld, gerade vor dem Hintergrund, dass diese Weine handwerklich hergestellt und in den Holzfässern des Solera-Systems jahrelang (mindestens 2) gereift sind, bevor sie im Regal ankommen. Viel Wein für kleines Geld.

Und wer tiefer tauchen möchte, findet im Weinhandel grandiose Sachen, z.B. den famosen La Guita Manzanilla oder Sherrys meiner Lieblingsbodega Lustau, die in den Basics brilliant sind und immer wieder auch mit speziellen und raren Abfüllungen Freude machen. Im Weinhandel und im Netz finden sich dann auch die kleineren Bodegas, da gibt es viele Entdeckungen zu machen!

4. Kühl und Elegant - die Sache mit der Temperatur

Oben habe ich es schon beschrieben. Sherry lieb es kühl, 6-8 Grad passen oft, weil warm wird der Wein ja von alleine, bei 12-14 Grad entwickeln sich nochmal andere Aromen und Details.

Dazu ein Tipp von Sommelier Paul-Henri aus dem belgischen Team des Wettbewerbes. Er zeigte, wie Sherry mit Eiswürfeln kühl gehalten werden kann ohne selbst im Eis zu kühl zu werden: eine Stoffserviette über Eis gelegt, darauf ruht die Flasche und bleibt konstant kühl.

DER COPA JEREZ - das Beste aus beiden Welten: Kochen und Pairing

Vom Einstieg jetzt rein in den internationalen Wettbewerb, der selbst dem Fachpublikum neue Ideen und Inspirationen zum Sherry-Thema lieferte.

Top-Sommelier und Jury-Vorsitzender Josep Roca

„this year’s contest was of an extraordinarily high level. We were amazed by the depth of knowledge that each of the participants had of the wineries, of all the aspects involved in food and wine pairing and also about the current trends in gastronomy and how to match them with sherry wines.“

Josep Roca, Vorsitzender der Copa Jerez Jury 2021

Jeweils ein Zweier-Team aus Koch und Sommelier/ère traten Anfang November miteinander und für ihr Land bei der Weltmeisterschaft in Jerez an – eine zeitgemäße Idee, die zeigt, das gute Gastronomie auf vielen Schultern ruht.

In diesem Jahr kämpften Teams aus 8 Nationen live auf der Bühne um den Weltmeistertitel. Ein Blick ins Regelwerk der Weltmeisterschaft findet sich hier!

Im Ring und auf der Bühne:

v.l.n.r.: Holm, Capel, Dacosta, Roca, Pizarro, Larsson

Die Jury war hochkarätig besetzt

und hatte echt zu tun: acht mal drei Gänge mit jeweils acht korrespondierenden Weinen galt es in beinahe 4 Stunden ohne Unterbrechung zu verkosten und einzuordnen.

Der Austragungsort: das Teatro Villamart im Zentrum von Jerez

5. Russischer Minimalismus, deutsche Wertarbeit und belgische Bastelei - drei Menüs des Copa Jerez

Team Deutschland auf der Bühne: von Hörsten, Rehermann

Ich hatte die Ehre und das Vergnügen, das Deutsche Team begleiten zu dürfen. Sommelière Maria Rehermann hatte das Deutschland Final mit Patryk Döring aus dem BRIKZ in Berlin für sich entschieden (hier auf NutriCulinary nachzulesen).

Nach personellen Veränderungen, wie sie gerade in der Gastro während der Pandemie an der Tagesordnung sind, sprang Marianus von Hörsten vom Hamburger Restaurant Klinker für Döring ein – das ist schon eine Leistung, sich ohne Allüren in das Menü eines Kollegen zu denken und im (neuen) Team auf einer Weltmeisterschaft zu performen.

Die Team-Umbildung gelang, auch Dank Maria Rehermann (Viniculture, Berlin), die flexibel organisierte und durch Wechsel und Wettbewerb führte – mit Verve und Nervenstärke überzeugte Team Germany auf der großen Bühne.

Das Menü und die Performance des Deutschen Teams saß. Aufgeräumt, wie man es uns nachsagt, nervenstark und professionell gelang die Performance. Hier das Menü:

Steinpilzschaum mit Eigelb, Topinambur und Schnittlauch mit „Amontillado El Tresillo“ von Bodegas Emilio Hidalgo.

Sommelière Maria Rehermann, Jury

Lamm mit Polenta, Kalamata-Oliven und Pflaume mit „Oloroso Tradicion VORS 30 Years“ von Bodegas Tradición.

Orange Sabayon, karamellisierte Schokolade und Oxalis mit „Moscatel Promesa“ von Bodegas Valdespino.

Chef Marianus von Hörsten

Die absoluten Abräumer waren aber im Gesamtwettbewerb die superstarken Belgier vom Restaurant Paul De Pierre in Maarkedal.

Chef Fabian Bail brillierte mit einem hochaufwendigen, kleinteiligen Gesamtkunstwerk an Menü, Sommelier Paul-Henri glänzte mit einer liebevollen Präsentation (kleine Aromen-Kärtchen zu jedem Gang), seine Ausführungen zu Umgang und Auswahl von Sherry waren geeignet, das Thema sogar Novizen nahe zu bringen.

Das Siegermenü:

Makrele, Dashi, Chorizowurst, Artischocke, Pak Choi, Liebstöckel-Öl, gepaart mit Fino Viña Corrales von Bodegas San Francisco.

Lamm-, Haselnuss-, Sellerie- und Sesampüree, Zucchiniblüten gefüllt mit Manchego-Käse, Shiitake-Pilzen und Rosmarin-Kartoffel-Confit, begleitet von Oloroso von Bodegas Gutierrez Colosía.

Birne in Tabak- und Gewürzsirup, Zitronencreme und Ziegenkäseeis gepaart mit Medium Old Harvest von Bodegas Ximénez-Spinola.

Persönlich hat mir u.a. auch das superschlanke Menü der russischen Delegation gefallen

Sommelier Svetlana Dobrynina von Moskaus Selfie und Küchenchef Mark Statsenko von Straight Fire aus Samara zeigten ein neues und junges Verständnis zu Sherry, mit einem rein pflanzlichen und pointiert minimalistischen Menü, für das es zu Recht den Kreativ-Preis gab.

Dobrynina, Statsenko, verbrannte Orangen

Zurzeit verkohlt ja gerne was in den Öfen der Spitzengastronomie, aber Orangen… was da rauskommt aus der schwarz gebrannten Frucht, genial! Aber ich will nicht vorgreifen:

Vergessene Orange und Zwiebel, in Salz bei 240º gekocht, mit Manzanilla Deliciosa von Bodegas Valdespino.

Gerösteter Blumenkohl mit Pekan-Nüssen, mit Fino Puerto Fino von Bodegas Lustau.

Von Pflaume bis Pflaume, die Dynamik des Alters, mit Oloroso Solera 1842 VOS von Bodegas Valdespino.

Alle Menüs und Medaillen findet ihr hier in der Übersicht auf der englischsprachigen Seite von SherryWine:

6. Sherry in der Küche - der Geschmacksturbo

Was lernen wir jetzt daraus? All die Menüs enthalten mehr oder weniger subtile Hinweise darauf, was alles mir Sherry noch besser schmeckt, es lohnt ein Blick. In meiner Küche spielt Sherry oft eine Rolle – vor allem überall dort, wo sonst auch Wein verwendet wird, sprich:

  • In Creme und Rahmsaucen. Dabei kann er im Kochansatz zum Einsatz kommen und später mache ich immer noch einen Spritzer frischen Sherry an die Sauce, nur einen Hauch, die ganze Sauce blüht auf. Der Clou: das funktioniert für Fisch- Geflügelsaucen und dunklen Fleischsauce gleichermaßen!
  • Sherry würzt dabei pointierter und kräftiger als Wein, also nicht einfach die Weinmenge im Rezept durch Sherry ersetzten – weniger ist mehr, einfach vortasten. Man kann immer noch etwas dazu geben.
  • Für Brühen und Dashi. Auch hier einfach vorschmecken, klare Consomées mit Sherry waren einst der Klassiker und das ist bis heute echt super! Ich würze mittlerweile auch japanische Dashi subtil mit Sherry, wie z.B. bei diesem Gericht auf Basis eines Muschelfonds mit klassischem Dashi.

Muschen in Sherry-Dashi mit Wakame und Hijiki Algen

  • Sherry ist der Knaller in der Patisserie! Cream und Pedro Ximénez wirken als Basis von Schokomousse, in Gebäck, in Vanille- und Schokoladensauce – da macht Sherry ganz neue subtile Geschmackswelten auf.
  • Für Leute die nicht kochen können oder wollen: Pedro Ximénez mit etwas Zitronensaft erfrischenund zu Vanilleeis vom Büdchen servieren. Geröstete Nüsse oder gehackte gebrannte Mandeln drüber, zerbröselte Schokobrownies… und alle nur so: yeaaah!

Vanilleeiskugeln in Madeleine-Bröseln mit gerösteten Nüssen gerollt, Pedro Ximénez dazu.

7. Sherry rustikal - wie selbst Grünkohl zum fine dining wird / deutsche Küche

Jetzt spinnt der Paul. Mitnichten. Beim Lunch in der Bodega Díez Mérito y almuerzo fiel mir auf, was so viele Jahre direkt vor meiner Nase auf dem reich gedeckten Tisch lag: die spanische und die deutsche Küche ähneln sich ungemein.

Beide Küche haben ein große Bandbreite an einfachen, vermeintlich schlichten, dabei aber seelenerwärmenden Bauchgerichten. Es ist die einfache Küche hart arbeitender Menschen in einer jahrhundertelang eher bäuerlich geprägten Tradition. Würziges Essen, das satt macht und Kraft schenkt.

Seelenessen der spanischen Herbstküche: geschmorte Bäckchen in Sherry und cocido de garbanzos – Kichererbseneintopf mit Staudensellerie, Schweinsfuss und Chorizo

Dazu ein Gläßchen Sherry zu genieße, zu einem dicken Eintopf, einer reichen Suppe, zu fetter Wurst – das ist eine Offenbarung, das bringt auch eine Eleganz ins Essen und ist die Antwort für alle, die eben nicht so gerne Bier zur Kartoffelsuppe, zum Linseneintopf, dem Kasseler mit Kraut essen.

In einem frühen Versuch war ich schon mal nah dran an dem Thema und habe den auch in Spanien populären Grünkohl zum Star in einem Sherry-Menü gemacht – das findet sich hier auf Nutriculinary:

Geht sogar mit Grünkohl – und zwar richtig, richtig gut: Sherry!

Noch ein Menü: regelmäßig ist Sherry Bestandteil und Begleitung, wenn ich für Freunde kochen. Hier gabs auch direkt mal ein ganzes Pairing-Menü:

Oloroso – Ochsenwade „Jerez“-Style mit Backpflaumen und dicke Bohnen

8. Salz & Fermentation - Sherry in neuen Rollen

Richtig spannend wir es wenn sich große Köche wie Quique Dacosta, José Pizarro und Sommelier Josep Roca (v.l.n.r.) mit Sherry beschäftigen.

Sherry ist ein Kind der Fermentation, jenes kontrollierten „Alterungsprozesses“ der uns neue Geschmacksbilder und Umami schenkt. Fermentation und der pointierte Umgang Salz sind zwei wesentliche Aspekte in der modernen und experimentellen Küche.

Am Tag der Fachvorträge auf dem Copa Jerez sprachen Quique Dacosta und Josep Roca zu diesen Themenfeldern, sie sprachen über Salz, biologisches Altern und Zeit als wachsende Zukunftsaspekte für eine produktbasierte Küche.

Quique Dacosta serviert diese Erfahrungen beispielhaft mit gepökeltem Thunfischbauch, einmal zwölf Tage gereift und einmal unfassbare 9 Monate – ein neuer, nie zuvor erfahrener Geschmack!

Die ganze Reifung wurde von ausgewählten Sherrys unterstrichen, die die Gärung widerspiegelten, die Alterung, die aromatischen Empfindungen, die uns Zeit schenken kann.

Während einer Kochsession im Garten der Bodegas Osborne zeigte José Pizarro uns am Vortag, wie er die Salzreife eines luftgetrockneten Schinkens mit minutenschneller Produkt-Küche zusammenführt.

Eine schwelgerische Sharingportion: Zweierlei vom Pata Negra Schwein, der Schinken, aufgeschnitten von einem cortador de jamón und von José Pizarro kombiniert  mit dem Filet secreto als kurzgebratener Tatar, nur gewürzt mit der Salzigkeit von Kapern und Kaviar, mit Eigelb und Schnittlauch getoppt.

Eine großartige Gastgeberin: Patrcia de la Puerta kennt als Generalsekretärin des Verbandes FEDEJEREZ (Federación de bodegas del Marco de Jerez) jede Bodega ganz genau!

Dazu eine kleine „Weltpremiere“ mit der neuen Edition von Osborne: Coquinero, La Honda Fino und La Honda Amontillado – En Rama, das bedeutet junge, ungefilterte Sherry, direkt aus dem Fass – taufrisch! Ein wildes, leicht kräutriges Vergnügen, mit Noten von rohen Nüssen und Weißbrot, Hauch Salz, super crisp.

Gelungen dazu auch das neue moderne Design (finde ich), das die Tradition nicht verleugnet und doch geeignet ist, eine neue Generation anzusprechen.

9. Sherry an der Bar - Überraschung in Flensburg

Sherry ist keine Spirituose. Sherry ist Wein, der aus der weißen Palomino Fino Traube gekeltert und mit Weingeist fortifiziert wird. Der ursprüngliche Alkoholgehalt steigt dabei auf einen Wert zwischen 15 und 18 %. Ab einem Alkoholgehalt von 16 % stirbt die Flor-Hefe, was je nach Art des Sherrys auch gewünscht ist.

Im Ergebnis sind die Sherryweine kraftvoll und lebendig im Geschmack, dabei erstaunlich leicht und super bekömmlich – ein Naturprodukt hergestellt ohne Aromahefen, Nährsalze, Schwefel/Sulfite, Enzyme, Aufsäuerungsmittel, Gummi arabicum… – die zugelassenen Zusätze der Weinwelt spielen bei der rein biologischen, reduktiven oder oxidativen Reifung der Sherryweine im Solera- und Criadera-System keine Rolle. Der Geschmack entsteht im Keller.

Dass man mit Sherry mixen kann, war ja irgendwie klar. Die einfachste (und wirklich großartige) Nummer ist:

4 cl Fino, Manzanilla oder Oloroso (mein Tipp!) über Eiswürfeln mit den ätherischen Ölen einer über dem Glas geknickten Bio-Zitronen- oder Orangen-Schale (Mandarine auch super) und Tonic Water aufgefüllt.

Zurück aus Jerez führte mich mein Weg ins Hotel Das James in Flensburg. In der Bar, perfekt eingebunden in den Lobby- und Foyerbereich des Design-Hotels in alten Marine-Mauern, erfreute uns zunächst die stilvolle Musikauswahl und dann der Blick in die Barkarte.

Die in Perfektion inszenierten und stilvoll servierten Drinks (auch ohne Alkohol) waren von so auffälliger Güte und Präzision, dass wir neugierig wurden und länger sitzen blieben, einen weiteren Drink orderten.

Im Das James zaubert hinter der Bar allerdings der legendäre Mario Zils und der hat ein paar Sherry-Kreationen auf der Karte. Ich bestellte zwei Sherry-Drinks, für die ich jederzeit wieder an die Förde fahren würde:

Den Signature Drink James High(Land)Ball mit Glenmorangie Highland Malt Whiskey, Oloros Sherry von Lustau, Zitronensaft, Honigssiurp, Ginger Ale und Sternanis.

Den Aperitif-Drink White Spritz mit Lustau Fino Sherry, St. Germain, Zitrone, Fever-Tree Mediterranena Tonic Water, Cocoa Bitters, Orangenzeste und Rosmarin. (Foto)

Die Kunst, den Sherry erkennbar im Drink zu halten, gelang bei beiden dieser extrem freshen und komplexen Drinks – die einfach richtig Spaß machten.

10. Schmeck die Bodegas - und komm vorbei!

Am Ende dieses viel zu lang geratenen Beitrages, danke ich Euch für Eure Zeit und das Interesse!

Trotzdem auch noch und wirklich in aller Kürze dies: das Sherryland in der Provinz Cadiz, Andalusien, das Dreieck zwischen Jerez de la Frontera, Sanlúcar de Barrameda und El Puerto de Santa María – ist eine Traumurlaubs-Destination!

Wetterfest mit 250 Sonnentagen im Jahr und durchschnittlich 8 Sonnenstunden am Tag, laden nicht nur das Meer und die Menschen dazu ein, das kulinarische Land zu erkunden.

Es sind vor allem auch die gastfreundlichen Sherry-Bodegas von denen die allermeisten Frührungen, Verkostungen und teils auch Lunch und Dinner anbieten. Kurse und Sherry Schulungen bietet der Consejo Regulador in Jerez.

Ich war jetzt schon einige Male zu Gast in Jerez und Umgebung – wer Lust hat, findet hier auf NutriCulinary ein paar weiterführende Reisebeschreibungen mit Bildern, Impressionen auch aus vielen Bodegas und weiteren Rezept-Inspirationen:

Abspann und Dank

Josep Roca, Maria Rehermann und Marianus von Hörsten

Ich danke César Saldaña vom Consejo Regulador der D.O. Jerez-Xérès-Sherry – Manzanilla-Sanlúcar de Barrameda und Vinagre de Jerez und Patricia de La Puerte von der Federación de bodegas del Marco de Jerez für die Möglichkeit und die herzliche Gastfreundschaft.

Ich danke Marketingleiter Pablo Calvo von Wein aus Spanien ICEX und Sommelier Peer Holm für die freundschaftliche und erhellende Zusammenarbeit, keine Fach- und Sachfrage blieb unbeantwortet – danke Euch!

Ich danke dem Team des Copa Jerez 2021 und allen teilnehmenden Bodegas für die exzellente Organisation, die warmherzige Gastfreundschaft.

Ich danke, nicht zuletzt, Maria Rehermann und Marianus von Hörsten, die mich so geduldig wie freundschaftlich im Schlepptau mitfiebern liesen.

Weitere Beiträge
Die beste Kürbissuppe der Welt.